Die Frankfurter Traditionsparfümerie Albrecht hat im Jahre 2005 eine wunderbare Rosenduft-Serie herausgebracht: Sechs Eaux de Parfums, die in Zusammenhang mit Frankfurts großem Sohn Goethe stehen und die allesamt sehr reizvoll sind. Die Düfte wurden in Frankreich konzipiert und erinnern an große französische Parfumkunst. Sie sind also klassisch und all jenen wärmstens zu empfehlen, die das Besondere abseits des Mainstreams suchen, dafür aber weder das "world wide web" nach Sensationen noch die Hippster-Parfümerien der großen Metroplen nach "limited editions" absuchen möchten.
Nach einem Besuch der Albrecht-Filiale in der "Fressgass" und dem Testen aller Frankfurter Rosendüfte (übrigens zusammen mit einer anderen, sehr erfahrenen Parfumo-Nase), entschied ich mich für den Erwerb des EdPs, welches Marianne von Willemer gewidmet ist.
Deren großes Geheimnis wurde erst neun Jahre nach ihrem Tod bekannt: Marianne von Willemer war nicht nur eine weitere große Liebe Goethes (1749-1832). Als einzige der vielen Frauen, die ihn inspirierten und beflügelten, hat die Schauspielerin und Tänzerin bei Goethe selbst mitgeschrieben.
Einige Gedichte Willemers fanden nämlich Eingang in Goethes Meisterwerk "West-östlicher Divan", das von der persischen Dichtung Hafiz' beeinflusst wurde. Kurz bevor Goethe die wesentlich jüngere Marianne in Frankfurt kennenlernte, las er Hafiz-Gedichte, die ihn so sehr beeindruckten, daß er sogar begann, Persisch zu lernen.
Ich hatte im Januar diesen Jahres das Vergnügen, einem Vortrag über Goethes Beziehung zu Marianne lauschen zu können (online, bei einer guten Freundin, die Mitglied im Frankfurter "Women's Club" ist). Der Club hatte die Goethe-Spezialistin Prof. Anne Bohnenkamp-Renken eingeladen, die erklärte:
"Es gibt zwei Gedichte, von denen wir es ganz sicher wissen, das sind die berühmten Gedichte an den Ostwind und Westwind".
Willemer, die am 6. Dezember 1860 im Alter von 76 Jahren starb, hatte sich als Co-Autorin des Zyklus im Gespräch mit dem Schriftsteller Herman Grimm geoutet. Der Sohn des Märchensammlers Wilhelm Grimm, der Willemer in Frankfurt vor ihrem Tod besucht hatte, verriet dies in einem 1869 veröffentlichten Aufsatz.
Bis heute debattiert die Goethe-Forschung übrigens, welche Gedichte im "Divan" noch auf Marianne zurückgehen.
Mariannes Werdegang war spannend. Sie wurde in Österreich als uneheliches Kind geboren, kam mit 14 Jahren nach Frankfurt und trat schon als junges Mädchen als Schauspielerin und Tänzerin am Theater auf.
Der Bankier Johann Jacob Willemer nahm im Jahr 1800 die mehr als 20 Jahre jüngere Marianne in seinen Haushalt auf und heiratete sie. 1814 lernte Goethe das Paar bei einem Kur- Aufenthalt in Wiesbaden kennen. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits 65 Jahre alt. Goethe besuchte die Willemers dann in Frankfurt. Ein Jahr später logierte Goethe im Sommer in der Gerbermühle, dem am Main gelegenen Landsitz des reichen Bankiers, der es als große Ehre empfand, Goethe beherbergen zu dürfen.
Marianne und Goethe verliebten sich ineinander. Ob sie ihre Liebe jemals wirklich "ausgetragen" haben? Ma waas es net...
Ihre Gefühle jedoch verewigten sie als "Hatem" und "Suleika" im "Divan".
Von Zeitgenossen wurde Marianne als bezaubernde, gebildete, geistreiche und sehr anziehende Frau beschrieben. "Sie war eine sprühende Persönlichkeit", sagte Bohnenkamp-Renken in ihrem Vortrag. "Außerdem war sie war dem Dichter intellektuell ebenbürtig und inspirierte ihn zu poetischen Höhenflügen".
Den Parfümeur, der das "Marianne-Parfum" komponiert hat, muss diese Geschichte ebenfalls sehr angeregt haben. Der Duft eröffnet sofort sehr blumig mit einer Kaskade aus Bergamotte, Rose und Jasmin. Dies sind die "big player" der Komposition, besonders natürlich Rose und Jasmin, die beide auch in Persien ihren festen Platz in der Gartenkultur und in der Duftherstellung haben.
Alsbald gesellt sich eine holzige Komponente hinzu, ein feines Sandelholz, das durch die ganze Komposition trägt, die fein mit Patchouli und Vanille abgerundet ist. Bezüge zu "Nahema" auf der einen und "Le Parfum" von Hermes sind deutlich zu erkennen. Besonders interessant ist dann noch eine weitere Komponente, das Guajakholz, welches dem EdP mehr Tiefe und eine charakteristische Würze verleiht. In der Pyramide wird zudem Oudh erwähnt. Nun, ich kann es nicht erkennen.
Der smarte Verkäufer bei Albrecht, der uns aber viel lieber eine Augencreme für 159 Euro (f***!!! nicht mit mir!!!) angedreht hätte, als ein "Haus-Parfum" für schlappe 49 Euro ("Unglaublich gutes Preis-Leistungsverhältnis hier bei unseren Düften", tönte er - und das stimmt!) , meinte, daß er Oudh im Hintergrund riechen könne.
Da der Duft aus dem Jahr 2005 stammt, vermute ich, daß noch keins der später entwickelten künstlichen Oudh-Aromachemicals enthalten und der Anteil an echtem Oudh in "Marianne" sehr, sehr gering ist.
Kurz gesagt, es handelt sich um einen schweren, süffigen Rosenduft, der das Rad nicht neu erfunden hat oder gar etwas Supermodern-Innovatives darstellt. Im Gegenteil, "Marianne" ist eine Liebeserklärung an die Klassiker.
Wie sagte doch Goethe so schön:
"Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen. Denn das Glück ist immer da."
Mit dem "Marianne von Willemer" -Duft kann ein Rosenparfum-Klassikfan Parfum-Glück erleben. Und vielleicht mal in den "Divan" reinlesen...- es lohnt sich.
Oh, hier erfahre ich neues nicht nur über Parfum-Klassiker; von dieser Mitautorschaft wusste ich nichts! Ein paar mehr Ost-Westliches im Goetheschen/Willemerschen oder auch Lessingschen Sinn könnte zur Zeit nicht schaden. Ach ja, das Parfum klingt auch gut ;-) Die Faltencreme kann sich der Herr in die Haare schmieren....
Der Johann Wolfgang war ja schon ein schwerer Schwerenöter und Filou, nicht nur auf dem Diwan. Umso schöner, dass man auch einmal der liebreizenden Marianne mit Rosen gedenkt.
Toll geschrieben, ein großes Vergnügen!
Wunderbare Reszension! Geistreich, kenntnisreich und wundervoll humorvoll. Augencreme, Goethe, Willemer und Parfum sind schon ein ordentlicher Spannungsbogen :)
…. so wie Du ihn schilderst, denke ich, dass Le Roses de Francfort ganz auf meiner Schiene liegt ;) … Die Hintergrundgeschichte kannte ich noch nicht -, Du erzählst sie informativ und spannend -, hab‘ viel Freude gehabt beim Lesen :)) - Muß doch endlich mal auf nach Ffm! zum Durchschnuppern ;) - is ja nich weit! …….
Ich stehe Herrn von Goethe eher indifferent gegenüber, die Schillersche Wildheit kommt mir mehr entgegen. Aber die Idee mit der Parfümserie ist toll, genauso wie dein wunderbarer und interessanter Kommi! Wenn ich mal wieder in meiner alten Heimatstadt bin, werde ich bei Albrecht vorbeischauen....
Sehr hilfreich, edel und gut
Rezensiert.
(Gibt's da auch ein Wässerchen für noch spätere Lieben namens Ulrike von Levetzow? Oder geht die bei Albrecht nich wegen mangelnder Frankfurtizität?).
Wunderschön und informativ zu lesen. Da müsste ich mich auch mal durchschnuppern.
Dieses Gedicht finde ich so passend zu den Rosendüften, zwar nicht von Goethe, aber fein:
Morgenstern, Christian (1871-1914)
Von den heimlichen Rosen
Oh, wer um alle Rosen wüßte,
die rings in stillen Gärten stehn -
oh, wer um alle wüßte, müßte
wie im Rausch durchs Leben gehen.
Goethe schätze ich ja sehr und kenne auch seine orientalischen (ich nenne das einmal so) Ausflüge, welche ich spannend finde. Mir kommen vergangene Zeiten deutlich aufgeklärter und aufgeschlossener vor. Auch auf arabischer Seite.
Ein feiner Review, Parfümerie in-house Duefte haben mich bis jetzt noch nicht ueberzeugt, sind sie wie Du sagst gerne Referenzen an Klassiker … ich hoffe es tut sich da auch mal was in Richtung Eau de grüne Sauce!
Chapeau, du Liebe! Das war auch für mich wirklich ein großer Lesegenuss! :)
Die rosige Reihe klingt ganz wundervoll. Wie schön, dass du sogar fündig geworden bist!
Und schon wieder bin ich etwas gescheiter und habe was dazugelernt... :@)) deine ausführliche Rezension war interessant, unterhaltsam und sehr informativ. Mit dieser Art von Düften kann ich allerdings nichts anfangen. Aber kann ja Gott sei Dank nicht alles gefallen. Pokal hast du dir wirklich verdient.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben
Und Sorgenbrecher sind die Reben
- daran erinnere ich mich noch :)
Die Albrechts sind grundsolide, aber mehr irgendwie auch nicht. Ich habe auch einen, und der steht leider immer ganz hinten im Schrank...
den Duft möchte ich unbedingt testen, und Dein Kommentar war ein Hochgenuss! Ich liebe geschichtliche Hintergründe zu Düften, und Du verwebst sie immer total interessant und spannend in Deinen Texten!
Das ist wieder ein großer Lesegenuß. Mir war der Name Marianne von Willemer zwar bekannt, aber daß sie auch Mitautorin bei einigen Goethe-Werken war, war mir neu.
Dieser Duft sollte mir eigentlich auch gefallen, den klassisch ausgerichteten Düften bin ich ja nach wie vor sehr zugeneigt.
Der Preis ist ja unglaublich. Schade, dass ich Rosen nicht sonderlich zugetan bin. Die Parfümerie Albrecht sollte ich auch einmal besuchen. Glückwunsch zum wunderbaren Fund und vielen Dank für Deine großartigen Zeilen.
Toll geschrieben, ein großes Vergnügen!
Eigentlich sollten die Albrechts Dir dafür mindestens ein umfangreiches Probeset zukommen lassen.
🏆
Danke!
159,00 Augencreme tzz, tzz für wie dumm hält der uns🤔3,99 bei DM
Rezensiert.
(Gibt's da auch ein Wässerchen für noch spätere Lieben namens Ulrike von Levetzow? Oder geht die bei Albrecht nich wegen mangelnder Frankfurtizität?).
Dieses Gedicht finde ich so passend zu den Rosendüften, zwar nicht von Goethe, aber fein:
Morgenstern, Christian (1871-1914)
Von den heimlichen Rosen
Oh, wer um alle Rosen wüßte,
die rings in stillen Gärten stehn -
oh, wer um alle wüßte, müßte
wie im Rausch durchs Leben gehen.
Die rosige Reihe klingt ganz wundervoll. Wie schön, dass du sogar fündig geworden bist!
Und Sorgenbrecher sind die Reben
- daran erinnere ich mich noch :)
Die Albrechts sind grundsolide, aber mehr irgendwie auch nicht. Ich habe auch einen, und der steht leider immer ganz hinten im Schrank...
Dieser Duft sollte mir eigentlich auch gefallen, den klassisch ausgerichteten Düften bin ich ja nach wie vor sehr zugeneigt.