Terror & Magnificence von Beaufort

Terror & Magnificence 2019

Meggi
12.01.2020 - 14:52 Uhr
47
Top Rezension
8Duft 8Haltbarkeit 6Sillage 8Flakon

Horror, Terror, das Davor, das Davordavor und der Beaufort

Mein letzter Englischlehrer (Leistungskurs 1987-1990) war ein recht unkonventioneller Typ, jedenfalls an einem altehrwürdigen Humanistischen Gymnasium mit jahrhundertelanger Tradition. Ein Rocker (und Jazzer!), der sich zum Beispiel nicht daran störte, wenn wer freitagabendfeierbedingt in den ersten beiden Stunden am Samstagmorgen nicht zu gebrauchen war. Die Person wurde dann eben einfach in Ruhe gelassen.

Einmal gab Herr B. uns schon am Samstag die erst donnerstags zuvor geschriebene 4-Stunden-Klausur zurück: „Ihr glaubt gar nicht, wie viele Zigaretten mich das gekostet hat!“ Camel ohne Filter übrigens. Die eine oder andere Unschärfe bei seinen Korrekturen nahmen wir bereitwillig in Kauf, weil er grundsätzlich in dubio pro discipulis entschied und nicht mit Punkten geizte.

Eines Tages eröffnete er die Stunde mit: „Boah, am letzten Sonnabend lief ja ‚Wetten, dass..?‘ und das war wieder so schlecht, dass meine Frau vor Ärger die Wehen gekriegt und ein Kind bekommen hat.“ Anschließend verteilte er Pralinen für die Damen und Zigarren für die Herren – aber ausdrücklich wahlweise gerne auch andersherum! Es war einer jener Zufälle, wie sie sich nicht besser ausdenken lassen, dass just in diesem Moment der Oberstufenleiter den Raum betrat. Unser Oberstufenleiter war… naja, halt der Oberstufenleiter eines altehrwürdigen Humanistischen Gymnasiums mit jahrhundertelanger Tradition. Er steckte die Sache indes verblüffend locker weg – begnügte sich allerdings mit einer vorschriftsmäßigen Praline.

Herr B. hatte für unsere Beschäftigung mit Gothic Novels eine Differenzierung des Vokabulars parat, welche zwei unterschiedliche Ebenen des Gruselns benennbar machen sollte. „horror“ stand oben auf der Skala des Schreckens, „terror“ war die ins mehr oder weniger Erträgliche abgeschwächte Form. Diesen Gedanken benötigen wir nachher noch, nun erstmal zum Duft:

Teer? Allenfalls moderat, kein Vergleich zum Birkenbomber ‚Hyde‘ etwa. Pfeffer – meinetwegen… Bisschen Safran-Muff ist plausibel. Ich denke alsbald an Vetiver aus der rauchigen Ecke, rasch und auch im Fortgang flankiert von warmem, honighaftem (Weih)-rauch. Auf Wunsch lässt sich vielleicht ein Anflug von Lakritz erahnen, einen Zacken deutlicher tatsächlich eine papierne Note, vermutlich aus Vetiver gespeist.

Kyphi ist als Angabe ein Fass ohne Boden, denn es handelt sich laut Wikipedia dabei um ein alt-ägyptisches Räucherwerk, das nicht bloß die üblichen Verdächtigen, sondern bis hin zu Blumen, Obst und Honig vieles anderes enthalten kann, was hier ebenfalls gelistet ist – oder sein könnte. Kurzum: Der Begriff steht für alles Mögliche, was sich verräuchern lässt und erschlägt pyramidal eigentlich praktisch alles.

Klingt, als käme vorliegend eine fürchterliche Kako-Osmie zum Einsatz. Aber mitnichten. Vielmehr bietet ‚Terror & Magnificence‘ eine homogene Mixtur, bei der es zwar trotzdem gelingt, die eine oder andere Einzelheit zu erkennen, sich jedoch keine davon in den Vordergrund spielt. Der Duft bleibt insgesamt überdies erstaunlich hautnah; kein Genörgele von meiner Frau, die auf meine Räuchermännchen-Attitüden meist sehr ungnädig reagiert.

Überschaubar auch die Duft-Entwicklung. Nachmittags würde ich den Kandidaten zunächst primär als charaktervoll-rauchigen Vetiver-(ylacetat)-Duft mit Gummi-Anwandlungen bezeichnen. Ein Klecks Süße verfeinert: Honig, vielleicht Amber, jeweils Spielarten der Rauch-Fraktion. Allmählich schieben sich die Begleiter weiter nach vorne und zitieren immer offener süße Raucher wie den unten bereits genannten ‚Sahara Noir‘ von Tom Ford. Der stillen Sillage nach zu urteilen, käme natürlich außerdem der zaghafte ‚Larmes du Désert‘ aus dem Hause Atelier des Ors als Partial-Referenz in Frage.

Eine Spur Vanilliges bilde ich mir ergänzend noch ein. Und zum guten Schluss wittere ich in den hinteren Stunden einen abrundenden Beitrag von Schoko-Patchouli, der mich ganz Ganz GANZ von Ferne an ‚Sandor 70’s‘ denken lässt. Womöglich vor allem deshalb, weil ich den so toll finde und ihn in den vergangenen Wochen oft getragen habe. Dessen ungeachtet freue ich mich, derlei zumindest im Ansatz hier zu entdecken.

Fazit: Wenn Horror das Grauen ist und Terror das Schaurige, dann beschränkt sich der sogenannte Terror aus ‚Terror & Magnificence‘ ungefähr auf ein Gefühl, als ginge es in einem in heimeliger Umgebung vorgelesenen Buch darum, dass irgendwem etwas über eine Kuschelgrusel-Geschichte erzählt wird.

Fernab der Übergriffigkeit einiger anderer Beauforts. Gleichwohl ein schöner, gelungener, durchaus kleidsamer Duft, dem es allerdings an Alleinstellungsmerkmalen fehlt.

Mein Dank geht an M3000 für sein Sharing.
30 Antworten
ElAttarineElAttarine vor 2 Jahren
2
Erst jetzt gelesen, großartige Rezension, Flashback in die Schulzeit inklusive.
ErgoproxyErgoproxy vor 6 Jahren
Teste den gerade und stelle fest, der ist mir mal wieder zu sehr Schinken.
PaloneraPalonera vor 6 Jahren
Diesen Englischlehrer hätte ich in jenen Jahren auch gern gehabt - die meinen haben meine ursprüngliche Begeisterung für die Sprache eher etwas gedämpft. Meine Neugier auf den Duft hast Du hingegen nicht dämpfen können - seit ich Ellen Coveys "Kyphi" unter der Nase hatte, bin ich weiteren Erfahrungen in dieser Richtung durchaus zugetan.
Can777Can777 vor 6 Jahren
Und es gab kein Genörgel zuhause? Dann scheint es ja nicht so zu qualmen!
PureNeugierPureNeugier vor 6 Jahren
Das gibt für Dich volle 12 Punkte auf der Beaufortskale für diesen wieder äußerst gelungenen Kommentar ;-)
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 6 Jahren
Ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert von deiner sprachlichen Wendigkeit und deiner Erzählkunst (einfach ohne Gleichen ;) Pokal für dich
KovexKovex vor 6 Jahren
Der Terror hat hier Gnade walten lassen.
TtfortwoTtfortwo vor 6 Jahren
Tolle Pädagogen gabs zu jeder Zeit und gibt’s immer noch, ich glaube aber, daß sie es früher vielleicht etwas freier hatten. Erinnert mich an einen Kunstlehrer (ok, das ist kein Kernfach, aber der hat mich mal anderen gegenüber als "das größte Talent der letzten zehn Jahre an dieser Schule" bezeichnet, also bin ich natürlich sein größter Fan, auch wenn ich mich beruflich dann doch eher sachlich und in die Informatikrichtung bewegt habe.
TtfortwoTtfortwo vor 6 Jahren
Teil 2: Der saß mittags irgendwo in seinen Kunstkabüffs oben unterm Dach, aß gegrilles Huhn, trank gerne mal ein Sektchen dazu und hörte ebenfalls lautstark Jazz. Und zwar auch dann, wenn ein Revisionsteam des Kultusministeriums im Haus war.

Deine Duftbeschreibung verlockt mich natürlich sehr, die Duftpyramide paßt, Deine Beschreibung paßt dazu und großartig geschrieben ist sie sowieso und natürlich auch.
MetalfanMetalfan vor 6 Jahren
Da hattest du ja wirklich Schwein mit dem Pauker. Bei der Einleitung dachte ich, „Jetzt kommt DEEER Duft“ aber.… na ja. Flakon und Name scheinen auch eher Augenwischerei zu sein.
Melisse2Melisse2 vor 6 Jahren
Schöne Beschreibung eines Duftes, den Du Dir wohl etwas spektakulärer gewünscht hättest. Auch die Anekdoten aus der Schule rund um Terror und Horror haben mir gut gefallen.
KylesaKylesa vor 6 Jahren
Ich hatte mal einen Sportlehrer, der gerne die letzten beiden Doppelstunden Sport mit uns zum Chinesen zum Mittagstisch gegangen ist :-)
Den Duft habe ich hier stehen und dein Kommentar trifft es genau!
FvSpeeFvSpee vor 6 Jahren
Klingt nicht übel, aber auch nicht so, dass ich anfange wie ein Zombie zur nächsten Verkaufsstelle loszustapfen. Ich war witziger Weise auch auf einem altehrwürdigen humanistischen Gymnasium mit jahrundertealter Tradition, mit Englischleistungskurs 1987-1989 (wir hatten nur 3 Jahre Kurssystem). Der coole Leistungskurslehrer war aber dem vom Deutschleistungskurs. Bei ihm waren es Selbstgedrehte.
GelisGelis vor 6 Jahren
Also, Dein Kommentar zu dem Duft klingt im Vergleich zum Titel und der Duftpyramide eher harmlos. Ich belasse es aber trotzdem bei einer Kenntnisnahme :).
ErnstheiterErnstheiter vor 6 Jahren
Frage: "Oh riechst Du gut, was hast Du heute aufgetragen?"
Antwort: "Terror".
PollitaPollita vor 6 Jahren
Samstagsschule kenne ich auch noch. Aber so einen coolen Lehrer hatten wir nicht. Meine waren eher verrückt (Deutsch und Geschichte). Irgendwann gibts den passenden Kommi dazu :)
Beim Duft denk ich, bin ich raus.
PlutoPluto vor 6 Jahren
Hört sich doch ganz harmonisch an. Und der Name... na ja, irgendwie muss man Aufmerksamkeit bekommen.
SeeroseSeerose vor 6 Jahren
Patchouli? Ist es nicht Deine "Echtgenote" die Patchouli wie Katzenpi wahrnimmt? Falls ja, hatte sie dann eine Woche Terror? Oder Du? Gothic Novels? Habe ich mal versucht zu lesen, ich fand sie langweilig. Daher: Gute Schullektüre zum Abturnen. Und bei Kyphi dachte ich erst an "Weed" und "kiffen" - hätte ja gut auch noch in den Schulschwank gepasst. Aber als Du es beschriebst, fiel mir wieder ein, was das ist. Der Duft so wie Du ihn beschreibst balzt mich zur Zeit überhaupt nicht an.
StanzeStanze vor 6 Jahren
Ist vielleicht auch besser, wenn Horror jedenfalls nicht drin vorkommt.
0815abc0815abc vor 6 Jahren
Feiner Kommentar!Im Moment gehen Schreihälse gar nicht und selbst in früheren Tagen waren die Beauforts meist stärker als ich:=)
RobGordonRobGordon vor 6 Jahren
Aus dem Haus gibt es einige Düften welchen ein Terror im Namen gut zu Gesicht stünde.;) Sehr amüsant aufgedröselt, danke!
GschpusiGschpusi vor 6 Jahren
Na, der klingt sehr fein. Merkliste
TaurusTaurus vor 6 Jahren
Ich denke Horror und Terror trifft dann eher auf die uns allen gefürchteten "LR" Düfte zu :D
M3000M3000 vor 6 Jahren
Zu übergriffig waren mir die letzten Düfte dieses Hauses auch, genau deshalb freue ich mich über die Tragbarkeit mit Charakter. Aber so ganz besonders kann ich ihn auch nicht finden. - War mir ein Vergnügen!
FirstFirst vor 6 Jahren
Irgendwie hätte ich lieber noch mehr über Deine Schulerfahrungen gelesen. die klingen spannender als der Duft. :-)
YataganYatagan vor 6 Jahren
Den habe ich dann nicht mehr getestet, weil ich das Gefühl hatte, dass sich der Witz bei Beaufort wiederholt. Aber vielleicht sollte ich das nachholen, wenn dieser entsprechend gemäßigt ist. Die Schilderung des Lehrers hat mir gefallen. Klingt nach einem Unterricht, der im Gedächtnis blieb.
FloydFloyd vor 6 Jahren
1
Steht ohnehin schon auf der Merkliste, sonst stünde er da, nach diesem unterhaltsamen und aufschlussreichen Kommentar jetzt. Englischlehrer, ja, Englischlehrerpokal!
SchatzSucherSchatzSucher vor 6 Jahren
Sonnabends Schule ist mir erspart geblieben... Beim Duft bin ich wohl (mal wieder) raus, aber deine geistreiche Erzählung hat mir wieder sehr gefallen!
MisterEMisterE vor 6 Jahren
Das klingt nun aber nicht nach DEM Volltreffer.....
SerenissimaSerenissima vor 6 Jahren
Vielleicht fühlt er sich in der Gruppe wohler.
Wieder ein gelungener Kommentar aus Deiner reichhaltigen Truhe der Erfahrungen.