47
Top Rezension
Horror, Terror, das Davor, das Davordavor und der Beaufort
Mein letzter Englischlehrer (Leistungskurs 1987-1990) war ein recht unkonventioneller Typ, jedenfalls an einem altehrwürdigen Humanistischen Gymnasium mit jahrhundertelanger Tradition. Ein Rocker (und Jazzer!), der sich zum Beispiel nicht daran störte, wenn wer freitagabendfeierbedingt in den ersten beiden Stunden am Samstagmorgen nicht zu gebrauchen war. Die Person wurde dann eben einfach in Ruhe gelassen.
Einmal gab Herr B. uns schon am Samstag die erst donnerstags zuvor geschriebene 4-Stunden-Klausur zurück: „Ihr glaubt gar nicht, wie viele Zigaretten mich das gekostet hat!“ Camel ohne Filter übrigens. Die eine oder andere Unschärfe bei seinen Korrekturen nahmen wir bereitwillig in Kauf, weil er grundsätzlich in dubio pro discipulis entschied und nicht mit Punkten geizte.
Eines Tages eröffnete er die Stunde mit: „Boah, am letzten Sonnabend lief ja ‚Wetten, dass..?‘ und das war wieder so schlecht, dass meine Frau vor Ärger die Wehen gekriegt und ein Kind bekommen hat.“ Anschließend verteilte er Pralinen für die Damen und Zigarren für die Herren – aber ausdrücklich wahlweise gerne auch andersherum! Es war einer jener Zufälle, wie sie sich nicht besser ausdenken lassen, dass just in diesem Moment der Oberstufenleiter den Raum betrat. Unser Oberstufenleiter war… naja, halt der Oberstufenleiter eines altehrwürdigen Humanistischen Gymnasiums mit jahrhundertelanger Tradition. Er steckte die Sache indes verblüffend locker weg – begnügte sich allerdings mit einer vorschriftsmäßigen Praline.
Herr B. hatte für unsere Beschäftigung mit Gothic Novels eine Differenzierung des Vokabulars parat, welche zwei unterschiedliche Ebenen des Gruselns benennbar machen sollte. „horror“ stand oben auf der Skala des Schreckens, „terror“ war die ins mehr oder weniger Erträgliche abgeschwächte Form. Diesen Gedanken benötigen wir nachher noch, nun erstmal zum Duft:
Teer? Allenfalls moderat, kein Vergleich zum Birkenbomber ‚Hyde‘ etwa. Pfeffer – meinetwegen… Bisschen Safran-Muff ist plausibel. Ich denke alsbald an Vetiver aus der rauchigen Ecke, rasch und auch im Fortgang flankiert von warmem, honighaftem (Weih)-rauch. Auf Wunsch lässt sich vielleicht ein Anflug von Lakritz erahnen, einen Zacken deutlicher tatsächlich eine papierne Note, vermutlich aus Vetiver gespeist.
Kyphi ist als Angabe ein Fass ohne Boden, denn es handelt sich laut Wikipedia dabei um ein alt-ägyptisches Räucherwerk, das nicht bloß die üblichen Verdächtigen, sondern bis hin zu Blumen, Obst und Honig vieles anderes enthalten kann, was hier ebenfalls gelistet ist – oder sein könnte. Kurzum: Der Begriff steht für alles Mögliche, was sich verräuchern lässt und erschlägt pyramidal eigentlich praktisch alles.
Klingt, als käme vorliegend eine fürchterliche Kako-Osmie zum Einsatz. Aber mitnichten. Vielmehr bietet ‚Terror & Magnificence‘ eine homogene Mixtur, bei der es zwar trotzdem gelingt, die eine oder andere Einzelheit zu erkennen, sich jedoch keine davon in den Vordergrund spielt. Der Duft bleibt insgesamt überdies erstaunlich hautnah; kein Genörgele von meiner Frau, die auf meine Räuchermännchen-Attitüden meist sehr ungnädig reagiert.
Überschaubar auch die Duft-Entwicklung. Nachmittags würde ich den Kandidaten zunächst primär als charaktervoll-rauchigen Vetiver-(ylacetat)-Duft mit Gummi-Anwandlungen bezeichnen. Ein Klecks Süße verfeinert: Honig, vielleicht Amber, jeweils Spielarten der Rauch-Fraktion. Allmählich schieben sich die Begleiter weiter nach vorne und zitieren immer offener süße Raucher wie den unten bereits genannten ‚Sahara Noir‘ von Tom Ford. Der stillen Sillage nach zu urteilen, käme natürlich außerdem der zaghafte ‚Larmes du Désert‘ aus dem Hause Atelier des Ors als Partial-Referenz in Frage.
Eine Spur Vanilliges bilde ich mir ergänzend noch ein. Und zum guten Schluss wittere ich in den hinteren Stunden einen abrundenden Beitrag von Schoko-Patchouli, der mich ganz Ganz GANZ von Ferne an ‚Sandor 70’s‘ denken lässt. Womöglich vor allem deshalb, weil ich den so toll finde und ihn in den vergangenen Wochen oft getragen habe. Dessen ungeachtet freue ich mich, derlei zumindest im Ansatz hier zu entdecken.
Fazit: Wenn Horror das Grauen ist und Terror das Schaurige, dann beschränkt sich der sogenannte Terror aus ‚Terror & Magnificence‘ ungefähr auf ein Gefühl, als ginge es in einem in heimeliger Umgebung vorgelesenen Buch darum, dass irgendwem etwas über eine Kuschelgrusel-Geschichte erzählt wird.
Fernab der Übergriffigkeit einiger anderer Beauforts. Gleichwohl ein schöner, gelungener, durchaus kleidsamer Duft, dem es allerdings an Alleinstellungsmerkmalen fehlt.
Mein Dank geht an M3000 für sein Sharing.
Einmal gab Herr B. uns schon am Samstag die erst donnerstags zuvor geschriebene 4-Stunden-Klausur zurück: „Ihr glaubt gar nicht, wie viele Zigaretten mich das gekostet hat!“ Camel ohne Filter übrigens. Die eine oder andere Unschärfe bei seinen Korrekturen nahmen wir bereitwillig in Kauf, weil er grundsätzlich in dubio pro discipulis entschied und nicht mit Punkten geizte.
Eines Tages eröffnete er die Stunde mit: „Boah, am letzten Sonnabend lief ja ‚Wetten, dass..?‘ und das war wieder so schlecht, dass meine Frau vor Ärger die Wehen gekriegt und ein Kind bekommen hat.“ Anschließend verteilte er Pralinen für die Damen und Zigarren für die Herren – aber ausdrücklich wahlweise gerne auch andersherum! Es war einer jener Zufälle, wie sie sich nicht besser ausdenken lassen, dass just in diesem Moment der Oberstufenleiter den Raum betrat. Unser Oberstufenleiter war… naja, halt der Oberstufenleiter eines altehrwürdigen Humanistischen Gymnasiums mit jahrhundertelanger Tradition. Er steckte die Sache indes verblüffend locker weg – begnügte sich allerdings mit einer vorschriftsmäßigen Praline.
Herr B. hatte für unsere Beschäftigung mit Gothic Novels eine Differenzierung des Vokabulars parat, welche zwei unterschiedliche Ebenen des Gruselns benennbar machen sollte. „horror“ stand oben auf der Skala des Schreckens, „terror“ war die ins mehr oder weniger Erträgliche abgeschwächte Form. Diesen Gedanken benötigen wir nachher noch, nun erstmal zum Duft:
Teer? Allenfalls moderat, kein Vergleich zum Birkenbomber ‚Hyde‘ etwa. Pfeffer – meinetwegen… Bisschen Safran-Muff ist plausibel. Ich denke alsbald an Vetiver aus der rauchigen Ecke, rasch und auch im Fortgang flankiert von warmem, honighaftem (Weih)-rauch. Auf Wunsch lässt sich vielleicht ein Anflug von Lakritz erahnen, einen Zacken deutlicher tatsächlich eine papierne Note, vermutlich aus Vetiver gespeist.
Kyphi ist als Angabe ein Fass ohne Boden, denn es handelt sich laut Wikipedia dabei um ein alt-ägyptisches Räucherwerk, das nicht bloß die üblichen Verdächtigen, sondern bis hin zu Blumen, Obst und Honig vieles anderes enthalten kann, was hier ebenfalls gelistet ist – oder sein könnte. Kurzum: Der Begriff steht für alles Mögliche, was sich verräuchern lässt und erschlägt pyramidal eigentlich praktisch alles.
Klingt, als käme vorliegend eine fürchterliche Kako-Osmie zum Einsatz. Aber mitnichten. Vielmehr bietet ‚Terror & Magnificence‘ eine homogene Mixtur, bei der es zwar trotzdem gelingt, die eine oder andere Einzelheit zu erkennen, sich jedoch keine davon in den Vordergrund spielt. Der Duft bleibt insgesamt überdies erstaunlich hautnah; kein Genörgele von meiner Frau, die auf meine Räuchermännchen-Attitüden meist sehr ungnädig reagiert.
Überschaubar auch die Duft-Entwicklung. Nachmittags würde ich den Kandidaten zunächst primär als charaktervoll-rauchigen Vetiver-(ylacetat)-Duft mit Gummi-Anwandlungen bezeichnen. Ein Klecks Süße verfeinert: Honig, vielleicht Amber, jeweils Spielarten der Rauch-Fraktion. Allmählich schieben sich die Begleiter weiter nach vorne und zitieren immer offener süße Raucher wie den unten bereits genannten ‚Sahara Noir‘ von Tom Ford. Der stillen Sillage nach zu urteilen, käme natürlich außerdem der zaghafte ‚Larmes du Désert‘ aus dem Hause Atelier des Ors als Partial-Referenz in Frage.
Eine Spur Vanilliges bilde ich mir ergänzend noch ein. Und zum guten Schluss wittere ich in den hinteren Stunden einen abrundenden Beitrag von Schoko-Patchouli, der mich ganz Ganz GANZ von Ferne an ‚Sandor 70’s‘ denken lässt. Womöglich vor allem deshalb, weil ich den so toll finde und ihn in den vergangenen Wochen oft getragen habe. Dessen ungeachtet freue ich mich, derlei zumindest im Ansatz hier zu entdecken.
Fazit: Wenn Horror das Grauen ist und Terror das Schaurige, dann beschränkt sich der sogenannte Terror aus ‚Terror & Magnificence‘ ungefähr auf ein Gefühl, als ginge es in einem in heimeliger Umgebung vorgelesenen Buch darum, dass irgendwem etwas über eine Kuschelgrusel-Geschichte erzählt wird.
Fernab der Übergriffigkeit einiger anderer Beauforts. Gleichwohl ein schöner, gelungener, durchaus kleidsamer Duft, dem es allerdings an Alleinstellungsmerkmalen fehlt.
Mein Dank geht an M3000 für sein Sharing.
30 Antworten


Deine Duftbeschreibung verlockt mich natürlich sehr, die Duftpyramide paßt, Deine Beschreibung paßt dazu und großartig geschrieben ist sie sowieso und natürlich auch.
Den Duft habe ich hier stehen und dein Kommentar trifft es genau!
Antwort: "Terror".
Beim Duft denk ich, bin ich raus.
Wieder ein gelungener Kommentar aus Deiner reichhaltigen Truhe der Erfahrungen.