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Top Rezension
Trauma einer Peripetie
Ich glaube, was ich sehe. Dies ist keine Tragödie, denn hier war kein kommender Konflikt, kein retardierendes Moment, nur plötzliche Peripetie, die Television eines Traumas. Realität und Wirklichkeit driften voneinander wie der Wachzustand von der Welt des Traums. Ich sehe ein surreales Sinnbild schwinden, erlebe die Auslöschung eines abstrakten Assoziationsraumes. Etwas beginnt, wie ein Geist in Gedanken zu graben, Erinnerungen zu entwurzeln, Neuronen neu zu ordnen: Das ist schon immer so gewesen, als ich noch Kind war, in gemalten Büchern mit Bildern von Kathedralen, in Romanen, also den Wirklichkeiten der Anderen, in der gegenüber liegenden Buchhandlung auf der anderen Seite der Seine, in Schwarz-Weiß-Filmen. Das gehört zur heilen Welt. Nun sehe ich die Menschen mit dem Rücken zur Buchhandlung stehen, starrend, schweigend, im verzweifelten Versuch die Flammen zu verlangsamen, die Bilder zu bremsen, den Film zu verkehren. Man möchte, dass man es ungeschehen macht.
Nun, ein Jahr später, sind die Bilder wieder da. Verfremdet und verwaschen. Die Erinnerung erschafft ihre eigenen Gemälde. Was würde wohl von jemandem erwartet, der in Gedenken an dieses Trauma einen abstrakten Assoziationsraum erschafft, der dabei helfen soll, den Wiederaufbau zu finanzieren? Noch dazu, wenn es jemand wie Sorcinelli ist, dessen Düfte nahezu immer von Rauch geprägt sind. Feuersturm, Schwelbrand, schwarzer Qualm und Asche?
Da sind für Sekunden wahrhaftig die Bilder von brennendem Teer, der zähflüssig wie schwarze schmierige Lava auf Hölzer und Steine stürzt, fliegende Funken die zu Asche erlöschen, in deren Innerem jedoch grüne Gewürze, vor allem Basilikum, beginnen mit allerlei hellen Hesperiden erneut die Erinnerungen zu entwurzeln, den Kohleklotz auf dem Flakon zu konterkarieren und zugleich den Wunsch abzubilden, möglichst schnell etwas Neues entstehen zu lassen. Da weht für wenige Minuten fast schon ein grünliches Cologne durch die brennende Kathedrale, als wolle es der Hitze entgegenwirken.
Dann beginnen die Blumen zu blühen, Maiglöckchen mäandern in einer Maische aus Amber und erdigen Harzen, bestimmen das Bild für etwa eine halbe Stunde, bevor eine Mischung aus Sandelholz und Vetiver in Verbindung mit dem Weihrauch den Eindruck wieder ins Rauchige verschiebt, manchmal versengtes Holz abbildet, das Vetiver dabei ähnlich wie das Basilikum aus der Kopfnote ein paar hellere Akzente setzt, Weihrauch und Sandelholz den Duft leider schon nach etwa vier bis fünf Stunden balsamisch ausklingen lassen.
***
Sorcinelli hat für meine Begriffe einen nachvollziehbaren Ansatz gewählt. Er hat einen für viele Menschen tragbaren Duft kreiert, der die Thematik der Zerstörung ebenso aufgreift, wie die Vision der Entstehung von Neuem, der die Möglichkeit bietet, Mittel zur Unterstützung der Restaurierung zu generieren, ohne seinen Stil dabei zu sehr verlassen zu müssen. Es wäre schon ein gewaltiger Wurf gewesen, wenn ihm dieser Spagat so gelungen wäre, dass er dabei sowohl seine treuen Anhänger als auch das neutrale Publikum voll erreichen könnte. Für Letztere ist dieser Duft sicherlich mutig, für manche seiner treuen Fans vielleicht sogar eine Enttäuschung.
Ich denke, wenn man die oft zitierten eigenen Erwartungen etwas zurückstellt und den Duft neutral zu beurteilen versucht, bleibt ein wirklich guter, interessanter, teilweise gefälliger Duft mit deutlicher Entwicklung, der zu Beginn etwa armlang, bald schon moderat bis hautnah projiziert und der leider nur wenige Stunden bleibt.
(Mit Dank an Kylesa)
Nun, ein Jahr später, sind die Bilder wieder da. Verfremdet und verwaschen. Die Erinnerung erschafft ihre eigenen Gemälde. Was würde wohl von jemandem erwartet, der in Gedenken an dieses Trauma einen abstrakten Assoziationsraum erschafft, der dabei helfen soll, den Wiederaufbau zu finanzieren? Noch dazu, wenn es jemand wie Sorcinelli ist, dessen Düfte nahezu immer von Rauch geprägt sind. Feuersturm, Schwelbrand, schwarzer Qualm und Asche?
Da sind für Sekunden wahrhaftig die Bilder von brennendem Teer, der zähflüssig wie schwarze schmierige Lava auf Hölzer und Steine stürzt, fliegende Funken die zu Asche erlöschen, in deren Innerem jedoch grüne Gewürze, vor allem Basilikum, beginnen mit allerlei hellen Hesperiden erneut die Erinnerungen zu entwurzeln, den Kohleklotz auf dem Flakon zu konterkarieren und zugleich den Wunsch abzubilden, möglichst schnell etwas Neues entstehen zu lassen. Da weht für wenige Minuten fast schon ein grünliches Cologne durch die brennende Kathedrale, als wolle es der Hitze entgegenwirken.
Dann beginnen die Blumen zu blühen, Maiglöckchen mäandern in einer Maische aus Amber und erdigen Harzen, bestimmen das Bild für etwa eine halbe Stunde, bevor eine Mischung aus Sandelholz und Vetiver in Verbindung mit dem Weihrauch den Eindruck wieder ins Rauchige verschiebt, manchmal versengtes Holz abbildet, das Vetiver dabei ähnlich wie das Basilikum aus der Kopfnote ein paar hellere Akzente setzt, Weihrauch und Sandelholz den Duft leider schon nach etwa vier bis fünf Stunden balsamisch ausklingen lassen.
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Sorcinelli hat für meine Begriffe einen nachvollziehbaren Ansatz gewählt. Er hat einen für viele Menschen tragbaren Duft kreiert, der die Thematik der Zerstörung ebenso aufgreift, wie die Vision der Entstehung von Neuem, der die Möglichkeit bietet, Mittel zur Unterstützung der Restaurierung zu generieren, ohne seinen Stil dabei zu sehr verlassen zu müssen. Es wäre schon ein gewaltiger Wurf gewesen, wenn ihm dieser Spagat so gelungen wäre, dass er dabei sowohl seine treuen Anhänger als auch das neutrale Publikum voll erreichen könnte. Für Letztere ist dieser Duft sicherlich mutig, für manche seiner treuen Fans vielleicht sogar eine Enttäuschung.
Ich denke, wenn man die oft zitierten eigenen Erwartungen etwas zurückstellt und den Duft neutral zu beurteilen versucht, bleibt ein wirklich guter, interessanter, teilweise gefälliger Duft mit deutlicher Entwicklung, der zu Beginn etwa armlang, bald schon moderat bis hautnah projiziert und der leider nur wenige Stunden bleibt.
(Mit Dank an Kylesa)
33 Antworten


Aber Du hast ihm nur eine 8 gegeben und außerdem bin ich vom Anlass der Kreation noch zu geschockt, als dass ich den Duft unbedingt sofort testen muss.
Kenne den Duft nicht, aber entwickele eine Vorstellung durch das Lesen. Großartig geschrieben.
Großartiger Kommentar!
Wortgewaltiger Kommentar !!
Probe bestellt um das Grausige
kennen zu lernen.