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vor 9 Jahren - 09.04.2013
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Der Duftwunscherfüller über Sellerie, Karamell, weißen Kaffee und anderes

Vor ein paar Wochen kamen wir bei der Recherche für den „Wissenswert“-Thread an eine ziemlich kniffelige Frage. PostMortem hatte eine Quelle aufgetan, die anderen widersprach und gemeinsam suchten wir mit viel Lesen und PN hin und her, dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Die verzwickte Sache hatte was mit Veilchenblütenduft und dem genauen Zeitpunkt der ersten Jononsynthese zu tun – also eigentlich nicht die weltumstürzende und extrem wichtige Detailinfo… aber dennoch spannend genug, um sich richtig zu verbeißen und ein mittelgroßes Forschungsprojekt daraus zu machen. Wir kamen an den entscheidenden Punkt, hatten die Kernfrage genau eingekreist… und wussten ab da nicht mehr weiter. In keiner Uralt-Quelle, an die wir drei kamen, in keinem Jahrbuch der Deutschen Chemischen Gesellschaft von vor der vorletzten Jahrhundertwende war die Lösung zu finden. Mist!

Da sagte Ronin eines Abends: „Ich schreibe Philip Kraft eine Mail.“

Louce war skeptisch: Philip Kraft?!? Die Koryphäe der Riechstoffchemie, die prominente Nummer 1 der modernen Duftsynthese am Puls von Forschung und Entwicklung und Insider der Parfumindustrie…? …Na gut… der muss es wissen.

Tatsächlich antwortete uns Philip Kraft hilfreich. Und dabei war der gestresste, überbeschäftigte Mann so nett, dass wir uns dranklemmten und die Mail-Korrespondenz gleich für ein Interview ausnutzten.

Das Interview

Je nach Profession erhalten wir unterschiedliche Antworten auf die Frage, was synthetische von natürlichen Duftstoffen unterscheidet: Eine Parfumeurin wie Céline Ellena sagt, natürliche Ingredienzien seien wie eine Melodie, synthetische wie der Takt eines Musikstücks. Luca Turin bemüht ein ähnliches Bild, natürliche Inhaltsstoffe seien das Fleisch, synthetische das Skelett eines Parfums. Für viele sind synthetische Duftstoffe die Voraussetzung und der Startpunkt der modernen Parfumerie, dem Zeitpunkt, als aus dem Kunsthandwerk Parfumerie Kunst wurde. Für ökologisch Motivierte bedeuten synthetische Duftstoffe eine Verhinderung der Ausrottung vieler Tiere und Pflanzen.

Wie sehen Sie das als Duftstoffchemiker und Co-Autor des Buches „Scent and Chemistry – The Molecular World of Odors“ – mit welcher der vorherigen Aussagen können Sie sich identifizieren, bzw. was ist Ihr Bild, mit dem Sie den Unterschied zwischen synthetischen und natürlichen Duftstoffen beschreiben würden?

Die zitierten Aussagen entsprechen sich ja im Grunde genommen weitgehend und an allen ist auch etwas Wahres dran. Am besten gefällt mir eigentlich Céline Ellenas linguistische Metapher, die sie auf unserer letzten „Flavor & Fragrance“ Konferenz in London vorgestellt hat, und die ihre musikalische Metapher abgelöst hat: Nämlich isolierte Riechstoffe als 'smell words' also Duftwörter zu verstehen, ätherische Öle hingegen als ganze Textblöcke oder Textpassagen einer olfaktorischen Geschichte. Wenn man diese in ein Parfüm einfügt, hat man schnell einen Abschnitt 'geschrieben' und kann auch einzelne Wörter mit synthetischen Duftbausteinen verstärken und abwandeln, aber man ist dadurch natürlich auch thematisch festgelegter.

Im Grunde sollte die Unterscheidung aber nicht synthetisch oder natürlich sein, sondern isoliert oder komplex. Man braucht zur kreativen parfümistischen Entfaltung einfach isolierte Duftbausteine, und Firmen wie Robertet und Laboratoire Monique Rémy destillieren ihre Naturöle auch immer weiter auseinander um größere kompositorische Freiheiten zu erhalten. Umgekehrt bieten Riechstoffhersteller schwierig einzusetzende synthetische Duftbausteine als Basen an, damit sie einfach zu copy/pasten sind, wie in einem 'Word'-Dokument. Ohne isolierte Verbindungen kann man aber nicht im eigentlichen Sinne kreativ sein, und die reinen Naturparfümeure verwenden darum dann auch destillativ isolierte Duftbausteine.

Kurzum, um eigenen kreativen Inhalt einzubringen braucht man isolierte Verbindungen. Durch maßgeschneiderte synthetische Verbindungen kann man dann das Spektrum der Duftvokabeln darüber hinaus noch weiter um ganz neue Düfte/Wörter bereichern und so neue Ausdrucksmöglichkeiten schaffen.

Auch wenn ein Parfümeur später aufgrund des Volumens oder der Opazität etwa ein Rosenöl einsetzen möchte, quasi en bloc, so soll er doch auch gelernt haben, erstmal eine Rose aus isolierten definierten Duftbausteinen aufzubauen. Auch ein Naturparfümeur sollte also eigentlich an Synthetika gelernt haben, um das Metier zu meistern. Jeder gute Parfümeur muss die Natur zuerst beherrschen und nachstellen können. Dann kann er sie am Ende auch noch supernatürlicher darstellen. Denn ein destilliertes Rosenöl ist genauso wenig der Duft der lebenden echten Rose am Strauch, wie Erdbeermarmelade der Geschmack von frischen Erdbeeren ist. Mit synthetischen Verbindungen kann ein Parfümeur etwa über Headspace-Rekonstitution oder aus seinem eigenen Können heraus eben einen Rosenduft kreieren, der dem der echten Duftblüte entspricht und nicht dem "gekochten und destillierten" Rosenduft.

Lernen sollte jeder Parfümeur aber erst einmal auf jeden Fall rein an Synthetika. Er muss eine Rose, einen Jasmin, eine Gardenie, ein Maiglöckchen, Flieder und einen Akazienduft quasi aus ersten Prinzipien erschaffen können. Das ist unabdingbares Wissen. Später kann er dann 'Abkürzungen' über das Ausfüllen eines Duftes mit ätherischen Ölen einsetzen. Er wird dies eben anders tun, wenn er mal die Duftkomponenten einer Rose auch wirklich verstanden hat. Ich finde daher auch etwa die Naturdüfte von Olivia Giacobetti, die auch die synthetische Parfümerie meistert, eindeutig überzeugender als Düfte reiner Naturparfümeure, die ihre komplexen Materialien im Grunde eben nicht bis ins letzte Detail kennen und beherrschen.

Ein Naturöl ist letztlich also eigentlich auch nur eine Art Base. Mit Basen alleine kann man nicht kreativ komponieren. Ausschließlich mit Synthetika hätten die Formeln dann etwas wohl über 100 Linien um das nötige Volumen eines Duftes zu generieren. Zusammen ergänzen sich beide perfekt.

Immer wieder in der Parfumgeschichte befruchtete die Verfügbarkeit neuer synthetischer Riechstoffe die Entwicklung neuer Düfte und löste Trends aus – denken wir nur Aldehyde, Hedion oder Calone. Was sind Ihrer Meinung nach gegenwärtig die spannendsten Entwicklungen und warum? Was ist der nächste zu erwartende Trend?

Ein aktueller Riesentrend in der Herren-Parfümerie ist unüberriechbar die Trockenfruchtnote der Rose, die Damascon-Note. Pomarose, ein von mir entdeckter Riechstoff mit einer Note zwischen getrockneten Rosenblättern und Apfelkuchen frisch aus dem Ofen, war da der Trendsetter. Das Debüt erfolgte 2004 in Be Delicious Men (Eau de Toilette)Be Delicious Men Eau de Toilette von Olivier Gillotin in Zusammenarbeit mit Pierre Negrin. 2007 kam die Überdosis in Form einer Champagner-Note im Sean John's Unforgivable (Eau de Toilette)Unforgivable Eau de Toilette von Pierre Negrin mit Dave Apel, Aurélien Guichard und Caroline Sabas. Voll ein schlug dieser Trends Ende 2008 mit Christophe Raynauds, Olivier Pescheuxs und Michel Girards 1 Million (Eau de Toilette)1 Million Eau de Toilette von Paco Rabanne, das den Kontrast Rosentrockenfruchtnote gegen weißem Leder in holzig-ambriert-orientalischem Kontext featured. Das hat bis heute unzählige Düfte inspiriert. Ein Trend in der Herrenparfümerie, vergleichbar mit dem von Flechiers Poison (Esprit de Parfum)Poison Esprit de Parfum in den 80ern, was die weibliche Damascon-Noten anbetrifft, oder auch mit dem Veilchenblätter-Trend um Jean-Louis Sieuzacs Fahrenheit (Eau de Toilette)Fahrenheit Eau de Toilette, der fast seit 1988 anhält, aber nun doch etwas zurückgeht.

Auf der Damenseite sind es noch immer die weißen Moschusse, etwa um Helvetolide, Romandolide und Serenolide, also eine fruchtig-beerige Moschusnote, die an frisch gebügelte Wäsche erinnert. Mit Sylkolide kommt man die jetzt bis in den Top hinauf, was etwa Calice Becker und Yann Vasnier mit Oh, Lola!Oh, Lola! demonstriert haben. So einen Kopfnoten-Moschus kann man natürlich auch durch eine extrem massive Basisnote bewerkstelligen, um so die Duftpyramide auf dem Kopf zu stellen. Das hat ja Daniela Andrier in Candy (Eau de Parfum)Candy Eau de Parfum bewiesen, wo die Créme Caramel um Maltol schon in der Herznote serviert wird und der Moschus sogar im Top, obwohl das ja nur je 0.22% Maltol und Ethyl Maltol sind. Also weiße Moschustopnoten bleiben sicher ein Trend-Thema, auch wenn der Fruitchouli-Kontext um Coco Mademoiselle (Eau de Parfum)Coco Mademoiselle Eau de Parfum etwas abebbt.

Frisch draußen ist Cassyran, eine extrem saftige Note nach schwarzer Johannisbeere mit facettenreichem Rosmarin-Einschlag. Da hoffe ich, dass die gut ankommt und wir in Zukunft viele schöne Cassis-Noten sehen, vor allem in der Damenwelt und vielleicht auch in einem kräftigerem Chypre-Kontext, denn die ausgedünnte Orangenblütenübermacht bei den Damen wird jetzt mit der Zeit ja nun doch langweilig.

Bei den Herren-Noten könnte ich mir vorstellen, dass das Trendpendel beim schwarz-rosa Pfeffer noch einmal stark zurück schwingt, und Yann Vasnier's BangBang für Marc Jacobs nur ein Vorgeschmack war. Mit Pepperwood hat man da ganz neue Möglichkeiten für transparente Pfefferakzente im Top. Dann sehe ich auch neue transparente Weihrauch-Akzente um Mystikal als Trendsetter. Also keine Kirchenbank-Note im Keller des Duftes, sondern ein frisch-blumiger Weihrauch-Hauch im Herz und Kopf. Einen Vorgeschmack, wie so etwas auf der Herrenseite duften kann, liefert etwa 7 (Eau de Toilette)7 Eau de Toilette. Es ist zwar auch schon 2 Jahre alt, aber ebenso wie die Pfefferimpulse noch unverbraucht, auch wenn es viele Düfte mit Weihrauchnote im Fond gibt.

Im Moment hält die große Oud-Mode in der Parfumerie an. Der Mainstream-Bereich nimmt die Impulse bereits auf und es besteht ein großer Bedarf an günstigerem Oud-Geruch. In Ihrem Buch „Scent and Chemistry“ nehmen Zeder- und Sandelholz einen großen Raum ein, über das pilzbefallene Adlerholz findet sich so gut wie nichts - nur die Randnotiz, dass es Parfumschaffenden i.d.R. nicht zur Verfügung stünde. Wie verbreitet sind synthetische Oudbasen (wie Givaudan Black Agar Givco 215, Firmenich Oud Synthetic 10760 E oder Palisandrol)? Welche Aspekte natürlichen Ouds können damit nachgestellt werden, welche nicht?

Der Oud-Trend stammte natürlich aus den Nischen-Boutiquen, wo es von arabischen Kunden eine Nachfrage nach feinem Agarholz gab. Anders als Sandel- oder Zedernholz ist Oud oder Adlerholz aber kein Standardöl der Parfümerie, auch wenn es nun ein paar seriöse Anbieter in Laos gibt. Die können aber keinen größeren Bedarf abdecken. Hinzu kommt, dass die Qualitätsunterschiede extrem stark sind, dazu auch noch von Ernte zu Ernte, und ein von Japanern in der Kodo-Zeremonie geschätztes Agarholz nun eben nicht einfach mal so in einem authentischen orientalischen Mukhallat-Akkord mit einer heftigen Prise Safran eingesetzt werden kann.

Basen haben wir in 'Scent and Chemistry' nicht behandelt, da sie sich zu schnell ändern. Die allermeisten Parfümeure, vor allem die im orientalischen Markt, haben ihre eigenen Oud-Akkorde ausgearbeitet, und passen sie flexibel an das jeweilige Projekt an. Je versierter ein Parfümeur, umso weniger arbeitet er mit Basen. Basen erleichtern einem das Leben, wenn man Mühe hat, einen eigenen Akkord hinzubekommen oder ein Material im Kontext richtig zu platzieren, aber alle Aspekte der verschiedensten natürlichen Oud-Qualitäten lassen sich problemlos mit den vorhandenen Riechstoffen abdecken. Roman Kaiser hat eine der feinsten japanischen Oud-Qualitäten aus einer japanischen Kodo-Zeremonie hervorragend rekonstituiert, eines meiner Lieblingsouds. Ein anderes ist Francis Kurkdjians aktuelles Oud Silk Mood (Eau de Parfum)Oud Silk Mood Eau de Parfum, allerdings schon an der Grenze, was den animalischen Charakter anbetrifft, aber super zum Layern. Calice Beckers vanillig-warmes Amber OudAmber Oud aus dem letzten Jahr für by Kilian ist ein dritter Favorit. Nur diese drei Oud-Noten zeigen die enorme Variabilität auf, darauf reagiert der Parfümeur am besten mit einem flexiblen Akkord.

Durch die IFRA-Regulierung werden immer mehr Riechstoffe von der Palette der Parfumerie gebannt. Häufig müssen Parfums deshalb reformuliert werden.

- Betrifft das nur natürliche oder auch synthetische?

- Es wird manchmal gemutmaßt, dass diese Regulierungen nicht allein Verbraucherschutz sind, sondern auch politische Wirksamkeit von Lobbyarbeit (einerseits der großen Parfum-Hersteller, anderseits der „großen 5“ der Riechstoffindustrie, zu denen Givaudan zählt). Wie stehen Sie dazu?

IFRA-Regulierungen betreffen natürlich sowohl natürliche wie synthetische Riechstoffe, es geht um die chemische Identität einer Verbindung und nicht um ihre Herkunft. Natürlich sind die natürlichen ätherischen Öle exponierter was allergische und sensitivierende Reaktionen anbetrifft. Das hat zwei einfache Ursachen:

1. Natürliche Öle sind komplexe Gemische und so ist auch die Wahrscheinlichkeit, auf einen ihrer Bestandteil allergisch oder sensitivierend zu reagieren, sehr viel größer als bei einer einzigen reinen chemischen Verbindung, also quasi rein statistisch schon.

2. Sind wir Naturstoffen evolutionär viel länger ausgesetzt, so dass etwa unser Immunsystem darauf leichter reagiert, und sich Allergien leichter manifestiert. So ist es auch einfacher auf Katzenhaare eine Allergie zu entwickeln als auf eine synthetische GoreTex-Faser, die unsere Immunabwehr nicht tangiert. Daher reagiert unser Körper etwa heftiger auf Limonenaroma aus Zitronenschalen, als auf ein synthetisches Iso E Super oder Hedion. Die biologische Abbaubarkeit ist natürlich ein anderes Thema.

Jeder in der Industrie sollte ein Interesse haben, dass möglichst viele Menschen Düfte genießen können. Und das heißt, dass die Düfte sicher sind und Spaß beim Tragen machen, also keine Allergien und Hautreizungen verursachen. Toxikologisch waren Düfte eigentlich seit jeher unbedenklich und mir ist nicht bekannt, dass jemand einer an einer Parfümvergiftung gestorben ist. Zu Napoleons Zeiten wurden Eaux de Cologne ja sogar als Arznei gegen die Pest getrunken. Aber Hautallergien sind nun tatsächlich ein ernstzunehmendes Problem. Auch ich selber möchte auch keine, denn ich trage extrem gerne und fast immer Düfte.

Jedes Unternehmen der Branche kann aber bei der IFRA mitmachen und die Beiträge sind proportional zur Unternehmensgröße. Der Vorwurf des Diktates der Großunternehmen zieht daher nicht. In der Tat machen nämlich auch viele kleine Unternehmen mit. Das RIFM, das Forschungsinstitut, auf dem die IFRA-Empfehlungen basieren, ist darüber hinaus unabhängig in seinen Empfehlungen. Anders als staatliche Institute und Behörden kann es hingegen viel einfacher auf Know-How aus der Riechstoffindustrie zurückgreifen, und so eine realistischere Sichtweise entwickeln als etwa EU-Kommissionen und deren Forschungseinrichtungen. Die Mitarbeiter des RIFM sind Parfüm-Spezialisten und erfahrene Analytiker, Toxikologen und Dermatologen.

Leider gibt es übrigens so gut wie keine Parfümerie-Lobby, weil die Konkurrenz der Hersteller und Firmen leider viel zu groß ist. Außerdem war man es einfach nicht gewohnt, in der Riechstoff- und Parfümindustrie Lobbyarbeit zu betreiben. Meiner Ansicht nach kann und konnte aber jeder gute Parfümeur problemlos unter den IFRA-Normen arbeiten. Die internen Normen großer Kunden gehen häufig viel weiter. Das was jetzt in den EU-Kommissionen zur Debatte steht, würde die Kreativität hingegen wirklich massiv einschränken. Dies aufgrund von Lobbyarbeit außenstehender Dermatologen, die wiederum wenig Einblick in Parfümerieformeln und wenig Verständnis von Parfümerie haben. Es ist bedauerlich, dass die Diskussion in Internet-Blogs in der IFRA einen Schuldigen sucht.

Ich bin kein Parfümeur, aber natürlich komponiere ich auch gerne mal ein eigenes Parfums aus Spaß und Freude an ungewöhnlichen und kreativen Düften. Ich kann da für mich eigentlich ja alles rein tun, was ich will. Da ich diese Düfte zum Eigenbedarf verwende, bin ich völlig frei. Dennoch mache ich immer einen IFRA-Check, und manchmal ist in der Tat was nicht konform. Da hatte ich aber noch nie wirklich Mühe, einen guten gangbaren Weg ohne Kompromisse beim Duft gehen zu können. Ein versierter vollberuflicher Parfümeur sollte das noch weniger haben.

Wie wir mittlerweile wissen, sind Anosmien weiter verbreitet als gemeinhin bekannt. Ist das für Ihre Arbeit relevant? Ist die Rücksichtnahme auf Anosmien bei Umgang mit natürlichen oder synthetischen Riechstoffen jeweils mehr oder weniger wichtig?

Der Grad von Anosmien auf Duftmoleküle wird vor jeder Einführung statistisch analysiert, zusammen mit Schwellenwerten, Dampfdrücken, Diffusivität und Substantivität. Es ist heute schwierig ein Duftmolekül mit einer hohen Anosmierate in die Produktion zu bringen, da man Einschränkungen im Einsatzspektrum befürchtet. Obwohl natürlich sehr wichtige Duftbausteine wie beta-Jonon oder Amberketal, das auch als Z-11 berühmt ist, sehr hohe Anosmieraten haben. Wie einfach diese Moleküle es heute hätten in die Parfümerie zu kommen, weiß ich nicht. beta-Jonon als das riechende Prinzip von Veilchen sicher einfacher als Amberketal.

Dennoch soll man Anosmien nicht überdramatisieren. Daniela Andrier ist ja auf Maltol anosmisch, und hat mit Candy (Eau de Parfum)Candy Eau de Parfum gleichwohl den gewagtesten und außergewöhnlich gut ausbalancierten Créme Caramel-Duft kreiert. Sie konnte die Effekte in der Komposition also dennoch wahrnehmen. Anosmisch heißt ja auch eigentlich nur so ein etwa 2 Zehnerpotenzen höherer Schwellenwert. Irgendwann sprechen eben andere Rezeptoren an. Dass ein Duftstoff in jeder Konzentration geruchlos für jemanden ist, ist sehr selten, außer man ist total anosmisch.

Wir, von der Endverbraucherseite, haben bestimmt romantische, nicht realistische Ideen von der Zusammenarbeit zwischen Parfumkreierenden und Riechstoffchemiker/innen.

An dieser Stelle eine kurze Anekdote:

Calice Becker erzählt, dass sie sich, in Erinnerung ihrer Kindheit in einem russischen Haushalt mit Samovarbetrieb rund um die Uhr, einen Tee-Duft wünschte, weshalb sie Ihren Kollegen Roman Kaiser darum bat, einen zu kreieren. Er fing dann die Luft in einem Pariser Tee-Geschäft als Duftprobe ein und nahm das zum Modell. Der neue, persönlich für Calice Becker geschaffene Teeakkord wurde später von ihr in Tommy GirlTommy Girl verwendet.

Arbeiten Sie manchmal so?

Kommen Parfumeure und Parfumeurinnen mit ihren Ideen, Wünschen und Träumen zu Ihnen und dann wird von Ihnen dementsprechend gebastelt? Sind Sie ein Wunscherfüller?

Oder ist das alles viel prosaischer? Hat Ihre praktische Arbeit überhaupt Anknüpfungspunkte zur Parfumerie im Sinne einer Zusammenarbeit, oder findet ein professionelles Anknüpfen auf einer späteren Ebene erst statt?

Wir sind natürlich im ständigen Dialog mit unseren Parfümeuren. Sie sind unsere Kunden und wir schaffen ihnen mit unseren Arbeitsergebnissen zusätzlichen Kreativitäts- und Kreationsspielraum. Die chemische Realisierung eines Parfümtraumes ist aber schwieriger als eine Headspace-Rekonstitution. Ich war selber mit Roman Kaiser in den Wipfeln des Massoala-Primärregenwaldes von Madagaskar. Wir haben tatsächlich auch noch unbeschriebene Unterarten von Duftblumen entdeckt und es ist ungeheuer faszinierend wie originalgetreu man deren Duft mit den bestehenden Parfümbausteinen nachbauen kann. Ein isoliertes Duftmolekül ist jedoch etwas anderes. In einem Parfüm kann ich mit Riechstoffen Effekte realisieren. In einem Molekül habe ich nur dessen chemische Struktur und muss mit unterschiedlichen Affinitäten zu Riechrezeptoren arbeiten. Und selbst für einen Parfümeur ist es extrem schwierig, sich etwas zu wünschen, was er noch nie gerochen hat. Aber es gibt auch viel einfacher zu realisierende Parfümeurs-Wünsche.

Über Sie ist zu lesen, dass Sie die Fähigkeit besitzen, sich beim Anblick einer chemischen Strukturformel den Duft der Verbindung vorstellen zu können. Geht das so weit, dass Sie z.B. auch beim Anblick der Strukturen des transparent-frisch-blumig riechenden Hedions und des Veilchenduftstoffs alpha-Jonon ahnen, dass deren Mischung eher nach Tee als nach Blüten riecht?

Keine Ahnung, wo Sie das herhaben, aber ich erkenne natürlich gewisse Motive in einer Strukturformel und dann kann ich mir den Duft schon so vorstellen, als wenn ich ihn auch wirklich rieche. Was leider manchmal auch dazu führt, dass ich einen Duft mit Formel anders rieche als wenn ich ihn blind rieche. Häufig steckt man so im Design drin, das man Gefahr läuft, sich selbst zu täuschen, wenn man einer Duftidee nachrennt. Das molekulare Design ist aber nicht mit dem Parfüm-Komponieren vergleichbar, dort lernt man Effekte, dort sind viele Riechrezeptoren beteiligt und deren Verknüpfung im Gehirn. Das kann ich mir nicht vorstellen. Nur durch wirkliches Mischen erlernt man solche Kompositionseffekte. Aber gewisse Abstände, Geometrien und Strukturelemente einer Riechstoff-Formel haben ja eine Bedeutung und die kann man quasi "riechen". Letztlich ein Rezeptoraffinität, aber eben manchmal riecht es im Geiste anders als dann in Realität. Das kommt durchaus auch recht häufig vor.

Alle unsere Interviews mit Parfum-Profis schließen wir ab mit der Frage, was deren liebste Düfte sind und welche Parfums der Parfumeriegeschichte sie persönlich am meisten schätzen. Welches sind Ihre liebsten Düfte und warum?

In meiner Riechstoff-Vorlesung an der ETH Zürich und der Universität Bern zeige ich begleitend pro Stunde um die 12-16 Düfte, also zusammen sicher über 200 Duftproben, die ich für absolut unverzichtbar halte. Ich glaube auch nicht, dass eine Person immer nur eine Duftvorliebe wie Chypre oder Fougère hat, oder dass es für jeden nur einen perfekten Duft gibt. Ähnlich wie man Sportzeug und Smoking hat, so sollte man eigentlich zu jeder Familie und Duftrichtung einen Duft in seiner Garderobe haben.

Sicherlich mal einen Moschus, und bei mir ist das zur Zeit Guillaume Flavignys The One Sport (Eau de Toilette)The One Sport Eau de Toilette (Dolce & Gabbana, 2012) wegen der genialen Beifuß-Schattierung, der herausragenden Diffusivität und der für einen frischen Tonic-Musc außergewöhnlich guten Haftkraft.

In diesen Zeiten der Eichenmoos-Restriktion begeistert mich natürlich Olivier Pescheuxs Evernyl-Überdosis in Legend (Eau de Toilette)Legend Eau de Toilette von Montblanc, das Zusammenspiel von Pomarose und Evernyl ergibt für mich den eleganten Duft schwarzer Tinte, irgendwie sinnlich und ungewöhnlich, und außergewöhnlich eichenmoosig sowieso.

Mein Lieblingsorangenblüten-Duft ist Rodrigo Flores-Rouxs Artisan (Eau de Toilette)Artisan Eau de Toilette (John Varvatos, 2009), der übrigens auch seine eigene liebste Kreation ist, wegen einer für Orangeblüten-Noten extremen Strahlkraft und Sillage; und auch dem extrem sinnlichen Moschus-Fond. Für mich noch immer das beste Cologne auf dem Markt.

Mein Lieblings-Fougère ist Rodrigo Flores-Rouxs und Ellen Molners CK Free (Eau de Toilette)CK Free Eau de Toilette (Calvin Klein, 2009), weil der Trockenfrüchte-Trend im Cool Water-Kontext strahlt, somit understatingly maskulin und zugleich trendig. Bei Ambra schwanke ich zurzeit zwischen Geza Schöns außergewöhnlich schönem Escentric 02Escentric 02 (Escentric Molecules) und Jacques Polges Allure Homme Édition Blanche (Eau de Toilette Concentrée)Allure Homme Édition Blanche Eau de Toilette Concentrée (Chanel) beide aus dem Ambra-Jahr 2008 und dementsprechend beide mit tollen Ambrox-Überdosen.

Bei Sandelholz ist mein Favorit Antoine Lies WonderwoodWonderwood (Comme des Garcons, 2010) wegen des Zusammenspiels von Javanol und Pashminol - absolut steroidale, fast schon als testosteronig zu bezeichnende Sandel-Note.

Bei Vetiver finde ich den klaren und dennoch weich vibrierenden Akkord von Cumarin und Vanillin in Jean-Claude Ellenas minimalistischem Hermessence Vétiver TonkaHermessence Vétiver Tonka (Hermès, 2004) unübertroffen.

Und für seine tolle Champagner-Note, die wirklich prickelnd ist, liebe ich noch immer Unforgivable (Eau de Toilette)Unforgivable Eau de Toilette (Sean John). Bei Weihrauch halte ich den schon erwähnten 7 (Eau de Toilette)7 Eau de Toilette (Loewe, 2010) für bahnbrechend, vor allem auch wegen der vollkommen ausbalancierten Komposition von nur 7 Riechstoffen, und dem modernen Kontext in dem Weihrauch hier präsentiert wird, so dass man nicht wie nach einen Kirchgang duftet.

Bei den Nischendüften sehe ich zur Zeit einerseits Olivier Cresps Flash BackFlash Back aus diesem Jahr, wegen des genialen Akkords von Apfel, Vetiver und Gardenol, und andererseits Bertrand Duchaufours Fusion sacrée obscur / Fusion sacrée luiFusion sacrée obscur (Sculptures Olfactives, 2012), wegen des verrückten aber genial guten Sellerie-Kontrastes gegen Karamell und weißen Kaffee besonders herausstechend - auf eine Art wie ein 'Prada Candy for Men'.

Ihre super-aufschlussreichen und spannenden Antworten, die Parfumo ein ziemlich gutes Bild Ihrer Arbeit an einem Hot Spot der Parfumerie geben, sind sehr wertvoll – danke. Diese Inside-Perspektive macht Lust auf mehr Infos (und damit auf „Scent and Chemistry - The Molecular World of Odors”) sowie auf riechendes Nachrecherchieren der von Ihnen genannten Parfums… die Liste, mit der wir das nächste Parfumgeschäft stürmen, ist ordentlich groß… vielen Dank!

Philip Kraft ist seit 1996 Riechstoffchemiker bei Givaudan, dem weltweit größten Hersteller von Duftstoffen, Aromen – und Parfums: ca. 30 % aller Neuerscheinungen pro Jahr stammen von Givaudan-Parfumeuren. Kraft ist für die Synthese neuer Riechstoffe verantwortlich. Weiterhin ist er Dozent an der Hochschule Bern und der ETH Zürich.

Er ist Erfinder bzw. Miterfinder zahlreicher Duftstoffe, darunter das nach Maiglöckchen riechende Super Muguet (Marc Jacobs MenMarc Jacobs Men), der marine Duftstoff Azuron (Oscar Limited EditionOscar Limited Edition, Sécrétions MagnifiquesSécrétions Magnifiques), das fruchtig-rosige Pomarose (Be Delicious Men (Eau de Toilette)Be Delicious Men Eau de Toilette, 1 Million (Eau de Toilette)1 Million Eau de Toilette, CK Free (Eau de Toilette)CK Free Eau de Toilette), die Moschusverbindungen Serenolide ((untitled)(untitled)) und Sylkolide und das nach schwarzer Johannisbeere riechende Cassyrane.

2011 brachte er zusammen mit Wilhelm Pickenhagen von Symrise das Buch „Scent and Chemistry – The Molecular World of Odors“ heraus, eine Neuauflage und Erweiterung des Standardwerks „Scent and Fragrances“ des Firmenich-Riechstoffchemikers Günther Ohloff.

Louce & Ronin für ParfumoBlog

Aktualisiert am 07.06.2022 - 15:25 Uhr

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