Der russische Winter mit seinen langen, kalten Nächten ist ein trefflicher Grund zum Saufen. Und im Sommer finden sich andere. Aber es war ja Winter. Außerdem braucht eine Truppe Jugendlicher auf Russland-Reise keine Gründe, sich reichlich von der billigen einheimischen Destillat-Flora auf die Lampe zu gießen.
Mein Kumpel und ich hatten klugerweise sogar die russischen Groß-Buchstaben gelernt. Es nützt dir schließlich - betankt durch die nächtlich-verschneite Stadt eiernd - nicht viel, zu wissen, dass du im „Prospekt Tschaikowskogo“ wohnst, wenn du das Schild nicht lesen kannst, obwohl du womöglich direkt davor stehst. Und draußen zu versacken ist bei deutlich zweistelligen Minusgraden keine gute Idee.
Schnee in Russland. Mit Sibirien kann ich diesbezüglich zwar nicht dienen, hingegen ist Schnee in russischer Großstadt (Moskau), Mittelstadt (Twer; nach unseren Maßstäben Großstadt) sowie auf dem Land Teil meiner verfügbaren Erinnerungen. Allein: Mit dem Duft kann ich rein gar nichts davon in Verbindung bringen.
Schon die Eröffnung ist cremig-süßlich-plastikhaft einerseits, säuerlich-bitter-rau andererseits. Die Frische der Minze ist allenfalls Hauch oder Ahnung, eher umweht eine das Nadelbaumhafte streifende Ätherik den Duft. Dazu gibt es Heftpflaster-Rauch und damit scheint mir der Bursche zunächst einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie einige weitere Amerikaner, ich denke konkret an ‚Wazo‘ aus dem Hause Monsillage oder Sonomas ‚Incense Pure‘.
Doch dann: Jasmin. Vornehmlich die sinnlich-schwere Richtung, die gleichwohl einen unleugbaren Anflug von tiefergelegtem Stink pflegt, der also nicht derart pointiert zugespitzt wie andernorts bölkt, sondern im Untergrund rumort. Die Kombination Jasmin und Weihrauch wirkt übrigens nullkommanull orientalisch. Hier bleibt es rustikaler, bodenständiger.
Was sich anschließend „da unten“ zwischen Jasmin und Zibet abspielt, könnte Gegenstand anstößig erregten Geflüsters der Nachbarn werden, wäre daran nicht allzu bald eine unerfreuliche diffuse Muffigkeit beteiligt. Nach längerem Überlegen führe ich sie auf frühes Holz im Verein mit dem Rest des strengen Jasmin-Parts zurück. Das riecht wie angeschimmelt. Und auch der Fortgang gibt mir Rätsel auf. Nach einer halben Stunde kommt mir verstänkerter Amber in den Sinn, wie gewollt dumpf gehalten. Was soll das denn? Wiederum mag ein miesepetriger Jasmin mitmischen.
Lediglich eine gewisse Labdanum-Animalik nach zwei Stunden ließe sich über drei Ecken konzeptionell einsortieren. Sie ist charakterlich nicht weit entfernt etwa von den schweinigelnden Auftritten in Oud Ispahan oder Cuir Garamante. Bloß ohne Rose und Leder. Und um einiges stiller. Hm… Wenn es nach neun Monaten Dauerfrost in Sibirien endlich taut, kommen vielleicht die Hinterlassenschaften der örtlichen Tiger als Vintage-Gestank raus?
Gegen Mittag enden die Gedankenspiele. Nun ist das Holz vornean und lässt den Duft sozusagen erlahmen. Von dieser Schiene vermag sich ‚Siberian Snow‘ nämlich nicht mehr zu lösen. Und da sich mir bereits der vordere Teil recht durchwachsen präsentierte, bleibt mir nur das folgende…
…Fazit: Einer der schwächeren Durgas. Immer noch ordentlich, zumindest nicht unspannend, versteht sich. Aber im Vergleich zu seinen mir bekannten Geschwistern fällt er ab. Seltsam unentschlossen und phasenweise geradezu muffig. Schade.
Der Prospekt Čajkovskogo (Tshajkovskogo) klingt viel zu edel für ein Besäufnis, seufz. So cool klang mein Wohnort leider nie. Deine Rezension allerdings schon, sie hat mir beim Lesen große Freude bereitet :)), danke dafür!
Bisher war ich nur im Sommer in Sibirien. Suche immer noch den ultimativen Russland - Duft, der nicht nach Wald und Weihrauch riecht. Dieser hier spricht mich von Deiner Beschreibung her nicht an.
Von den getesteten Durgas (es fehlen etliche) fand ich Sibirien bis jetzt am schönsten. Ohne die Pieselnote sogar etwas langweilig oder zu nett. Da hättest Du den Machern sicherlich etwas unter die Arme greifen können mit ihrem Russlandkonzept.
Immerhin: Der Duft hat Dich zu fernen Erinnerungen geführt und dahin, sie mit uns zu teilen - allein das rechne ich ihm jetzt hoch an, ;-)! Und Du warst wirklich fleißig in den letzten Wochen - jeden Sonntag einen Kommentar gab's von Dir, da hatte ich nun reichlich aufzuholen. Es war ein Vergnügen - ein großes.
Ist das wieder herrlich geschrieben! Ich stelle mir gerade euch zwei vor dem Hotelschild vor *lachlach* - suuuuuuper! Ich wünsch dir auch einen guten Rutsch! Und schon mal alles Gute für 2020!
Die Zutaten lassen besseres vermuten. Ich seh, ich hab ihn mit 7 bewertet, aber nix notiert. Also: in bleibender Erinnerung ist er nicht geblieben.. Guten Rutsch meine Lieber!
Es kann ja nicht nur Volltreffer bei einer Marke geben. Der hier war tatsächlich eher ein schwächerer Vertreter. Deine Einschätzung kann ich absolut nachvollziehen
Bei diesem Durga denke ich auch: „Thema verfehlt“. Und selbst wenn ich davon absehe, kann ich Siberian Snow nichts abgewinnen. Kommentartitel gelungen, Rest wie immer auch.
Irgendwie roch ich vor über vier Jahren einen ganz anderen Duft. Jasmin kann ich allermeist nicht leiden, hat auch nichts in Sibirien zu suchen. Auch keinen Zibet-Stunk, den finde ich widerlich. Es war ein Duft wie die von CdG, bisschen langweiliger, hell, frisch, unbalsamisch….haben die den neu formuliert? Wenn ich nur wüßte in welcher Kladde meine Notizen sind, ich sag das mal so...???
Sehr gelungener Verriss in lustigen Bildern. Ich empfinde den allerorten anzutreffenden Pflaster-Weihrauch auch nervig. Gut, dass sie die Nadelbaum-Ätherik nicht in die Pyramide geschrieben haben, sonst hätte ich bestimmt schon eine Probe besorgt. Ich finde von der Marke "Hylnds - Spirit of the Glen" wunderbar und ärgere mich, dass ich zu spät gemerkt habe, dass er eingestellt wurde.
Unter 'Siberian Snow' würde ich mir ohnehin etwas grundsätzlich anderes vorstellen als Heftpflaster und muffiges Zibetzeugs... Den lass ich dann wohl lieber aus. ;)
Das russische Alphabet habe ich komplett verlernt... Auf einer Reise dorthin wäre ich also rettungslos verloren ;-) Der Duft scheint aber auch kein Merklistenkandidat zu werden. Der Kommentarschreiber bleibt aber weiterhin auf der Merkliste!
Schade, aber Qualitäts-Schwankungen bleiben eben hier auch nicht aus.
Vor allem, wo ja Düfte so unterschiedlich wahrgenommen werden.
Danke für die wieder sehr unterhaltsame Eröffnung.
Vor allem, wo ja Düfte so unterschiedlich wahrgenommen werden.
Danke für die wieder sehr unterhaltsame Eröffnung.