Irrfahrt in die depressive Parfümwelt
Die letzten sechs Jahre bei Parfumo haben mir viel beschert. Neue Erfahrungen, Düfte, eine Entwicklung meiner Riechgewohnheiten und auch ein Gefühl von Genuss mit einem entsprechenden Sinn für ein Qualitätsbewusstsein, auch wenn es hier mal die ein oder andere Ausnahme gibt. Es wurde im Souk viel getauscht, verkauft und gekauft. Sicherlich ein Vorgang, der nicht nur mir zugeschrieben werden kann. Mittlerweile kann ich fast auf eine vierstellige Zahl an getesteten Düften schauen und mich fragen, was kommt danach?
Ist es nur noch ein Testen um zu testen? Oder findet man auch in neueren Kreationen einen tieferen Sinn, eine Leidenschaft für eine neue Note und wiederum eine Weiterentwicklung der Nase?
Seit langen frage ich mich, wo diese Frequentierung von Releases und Hypes noch hinführt, wenn sich so viele Düfte gerade in der Basis ähneln und langweilig werden. Der ein oder andere Duft steht zwar noch auf der gedanklichen Merkliste, doch werden die mich wirklich noch überzeugen? Werde ich vielleicht eher Freude an den Düften haben die ich schon kenne und wird von denen vielleicht einer einziehen?
Momentan überwiegt eher die Enttäuschung und spült eine parfümtechnische Depression in die Gedankenwelt, welche einem irgendwie die Lust auf das Hobby vermiest. Ob Cheapie, Designer, Designer-Nische, Nische, Indie oder Öle, momentan scheint nix richtig eine Begeisterung auszulösen. Manchmal findet man wenigsten den einen oder anderen Duft, der fast nostalgisch einen wunderbaren Duft zurückholt, wie Old Fashioned. Diese Düfte sind aber die Ausnahme und nicht die Regel. Ich kann fast behaupten, dass unter 100 getesteten vielleicht mal einer bis zwei dabei sind, die wirklich noch richtig gefallen und auch mal als Sammlungskandidat in Frage kommen. Man mag sich nicht vorstellen, wie schwer die Auswahl fällt, wenn man nochmals deutlich mehr unter der Nase hatte und die Ansprüche noch extremer werden.
Die Feststellung war zumindest, dass ich mich oftmals mit Designer-Nische am ehesten arrangieren kann. Hier wird mir eine DNA geboten, die mal abweicht von der puren Masse, die aber immer noch so tragbar im Alltag ist, dass sie mir auf Dauer zu kantig oder nervig ist. So gerne ich tatsächliche Nische oder Indies mag und diese erforsche, so selten könnte ich diese sinnvoll in meinen Alltag einbauen. Ebenso verhält es sich bei der praktikablen Umsetzung und Nutzung von Ölen, bei denen ich mir zu viele Gedanken darum machen würde, dass meine Kleidung sich verfärbt.
Irgendwo fehlt mir da in diesem Segment einfach wieder etwas, was mich umhaut, vollkommen sprachlos macht und dann auch meinen Alltag begleitet. Durch Zufall bekommt man mal irgendwo eine Wolke die einem gefällt um dann beim eigenen Test festzustellen, wie wenig der Duft auf der eigenen Haut funktioniert. Des durfte ich zum Beispiel mit Oud Eau de Parfum lernen. Dafür kann man vielleicht einfach mal bei Freunden etwas probieren, die einem erstmal sprachlos zurücklassen und doch eine Faszination auslösen wie
Velvet Orchid Eau de Parfum.
Entscheidend für mich ist aber die Frage und/oder Feststellung, warum sich so viele Düfte gerade in ihrer Basis so oft gleichen müssen, sogar wie Zwillinge verkommen und damit so uninteressant für mich werden. Ob die aktuell von mir getesteten Dolce Melodia, "Erba Gold | XerJoff"
Contralto, jeder Aaron Terence Hughes Duft (außer
Boss Bastard) oder auch Initio und teilweise Xerjoff. Alles ähnelt sich irgendwie und versucht nicht über andere Noten mal eine neue Basis zu erschaffen.
Geht es tatsächlich nur noch darum mit Ambroxan und Synthi-Moschushölzer die Haltbarkeit ins unermessliche zu steigern und den Grundgedanken von Parfüm ad absurdum zu führen?
Anscheinen muss ich mich mehr den klassischeren Düften widmen, die etwas mehr Eingewöhnung bedürfen, die aber noch etwas Mut hatten. No. 007 war so einer, der mich doch irgendwie begeistern konnte. Selbst
Balenciaga pour Homme Eau de Toilette zeigte mir, dass ich doch irgendwie mit Lavendel kann. Auch meine früheren Entdeckungen der Designer Nische wie "Black Tie | Celine",
Sycomore (2016) Eau de Parfum und selbst
Herod möchte ich nicht mehr missen. Das sind Düfte die so schön und doch tragbar zu gleich sind, mir auch noch nebenbei einen tollen Twist einer recht einfachen DNA geben.
Zurückbesinnen ist vielleicht mein Thema. Die Duftwelt wird sich nicht für mich ändern, aber vielleicht kann ich meine Duftwelt so ändern, dass sie wieder interessanter für mich wird. Vielleicht muss ein Nightclubbing , ein
No. 007 oder selbst ein kantigerer "Mamluk | XerJoff" bei mir landen. Eine riesige Sammlung brauche ich nicht, nur eine gut sortierte Auswahl, die mich in allen Lagen und ambivalenten Phasen unterstützt und zufriedenstellt.
Denn irgendwo ist doch noch ein Licht am Ende des Hype- und Synthi-Moschus-Tunnels zu sehen.
Habt ihr vielleicht noch Düfte die ich mal anschauen könnte?
Ich habe mir die Mühe gemacht und deine Getestetliste durchgesehen.
Und ich wundere mich immer wieder, dass manche fast 1000 Düfte getestet haben, aber kein Guerlain Klassiker wie Jicky, L Heure Bleu, Mitsouko dabei ist. Die sind nach wie vor Weltklasse. Dass man keinen Santa Maria Novella darauf stehen hat, kann ich noch verstehen. Die hat man vielleicht einfach nicht auf dem Schirm.
Cala Rossa und Muschio z.B. u. a. in meiner Sammlung beeindruckten mich sehr. Wiederum die Perfumer H Düfte wären etwas moderner und sind eher "Flüsterdüfte".
Andererseits ist es natürlich absolut OK, sich einfach mal zurück zu lehnen und das genießen, was man hat und seiner Nase eine Pause zu gönnen.
Dass ändert nichts daran, dass bisweilen die Originalität bei Düften zu wünschen lässt.
Oder einige "Lalique"-Düfte... :-))
Die Überflutung immer neuer Marken,
Trittbrettfahrern, die mit mittelmäßigen Produkten zu ambitionierten Preisen den Markt vollpumpen. Auch der xte Remix reicht wie oft auch in der Musik, nicht an das Original heran. Mittlerweile gewinnt man den Eindruck, wer früher beim Schmuckdesign nicht Erfolg hatte, probiert sich jetzt hier. Sicherlich gibt es Kreation, die aus dieser belanglosen Lieblosigkeit herausragen, um diese jedoch zu finden, vergeht einem durchaus die Lust.
Einzelne Düfte habe ich keine, aber schaue dir ggf. mal dieser Duft-Häuser an, die zumindest ein etwas nischegeres Sortiment haben:
Slumberhouse
Adi ale Van
Autour du Parfum
Atelier des Ors
Filippo Sorcinelli
Hima Jomo
Les Indémodables
Map of the Heart
Olympic Orchids Artisan Perfumes
Zaharoff
Zum Glück ändern sich mit der Zeit und den Erfahrungen viele der Vorlieben und Abneigungen (nur den wenigsten bleibt man auf Dauer teu). Und dann wird es in diesem riesigen Duftuniversum wieder spannend.
Extrem innovativ und ohne Chemiekeule, nur um ein Hersteller zu nennen, sind die Extraits von Auphorie.
Die Antwort lautet in sehr vielen Fällen leider "Ja". Das Thema wurde hier schon öfters diskutiert. Kurz zusammengefasst: Es geht um Maximierung der Gewinnmarge durch Einsparungen bei den Rohstoffen, aber auch um das Bedienen eines Marktes, in dem immer mehr Konsumenten und Influencer nach mehr Performance und noch mehr Performance schreien. Manchmal ist auch schlicht das IFRA Regularium schuld.
Al-Kimiya - Oud et Bois - d' Orsay
Dans Paris - Celine
Cappadocia - Memo Paris
Ambre Royal - Ormonde Jayne
Arabesque - The Merchant Of Venice
Taklamakan - Stéphane Humbert Lucas
könnten vielleicht einen Test wert sein.
Mantus
Da sind direkt mal 2-3 Stück auf der Merkliste gelandet.
Aber es gibt sie, die guten Düfte, man muss sich nur überraschen lassen :-)
Andrea Maack - Coven
Pepel - Holynose
Sacreste - Laboratorio Olfattivo
L'Insomnuit - Robert Piguet
Woody Mood - Olfactive Studio
Insensé - Givenchy
L'Eau d'Issey pour Homme Noir Ambré - Issey Miyake
Paradise Found for Men - Roberto Cavalli
Scandinavian Crime - LM Parfums
Shalimar Souffle Intense - Guerlain
N°19 Poudré - Chanel
Dior Addict - Dior
Shalimar Millésime Tonka - Guerlain
Oriental Pearl - Shanghai Tang...
Das wäre natürlich auch mal ein Ansatz. Wobei ich es auf niemanden schieben könnte wenn’s scheiße duftet 😂😂😂
Nein. Man muss nicht erst manisch sein, um eine Depression zu bekommen.
Aber das war zumindest vor 2020 alles etwas entspannter und auch abwechslungsreicher, da man weniger zugebombt wurde mit neuen Sachen die im Endeffekt aber nicht neu sind.
Ich teste zwar noch viele Düfte, finde aber auch kaum noch etwas, was wirklich neu ist. Selbst das, was hier gerne als Nische bezeichnet wird, gleicht sich mehr dem Mainstream an, ist halt nur teurer. Lichtblicke wie Lost Tribe sind da selten.
A b s o l u t außergewöhnlich.
Manchmal findet sich ja auch beim Irrlichtern abseits des Weges etwas Wertvolles. In einem botanischen Garten eine bestimmte Blüte oder Pflanze entdecken, leidenschaftlich geriffelte Glasflakons sammeln, den kreativsten Papierteststreifen küren oder mit unbekannten Menschen ins Gespräch kommen und sie für die facettenreiche Welt der Düfte zu begeistern.
Ansonsten hatte mich im letzten Jahr das Escentric Molecules Discovery Set begeistert, weil es mal eine interessante Abwechslung war. Vielleicht wäre das etwas für dich? 🤔
Insgesamt finde ich, dass nicht immer das Ziel sein muss, dass sm Ende ein Flakon einzieht. Manchmal ist es auch einfach spannend, neue Düfte kennen lernen und vielleicht eine Abfüllung aufzubrauchen. Deine Sammlung gefällt mir übrigens richtig gut! 😊
Und dabei einiges eher belangloses aufgebraucht.
Jetzt lerne ich meine Duftlieblinge neu kennen und entdecke nach und nach auch wieder die Klassiker, die mir in meiner Jugend verschlossen blieben.
Die Pause hat meiner Nase sehr gut getan.
Aber da du auf Kleidung zu sprühen scheinst, kannst du doch dann auch wechseln und nach getaner Arbeit die weniger alltagstauglichen Düfte tragen.
Was ich schwieriger finde, ist der Druck, den ich da raushöre. (Solche Untertöne von Druck, Belastung und Schlimmerem liest man hier so oft, was ist das nur ??)
Wende dich doch mal mit ganzem Herzen deinen anderen Hobbies zu. Nimm diesen deinen Druck raus. Primärziel ist doch Spaß. Bitte verzeih mir, dass du meinen Berater-Reflex ausgelöst hast ^^
LG
Könnte eine Idee sein. Momentan schleicht das Thema eigentlich auch nur nebenher auf Grund der Situation. Da lebe ich mich schon eher bei anderen Sachen aus. Die 1-2 Tests pro Tag sind schon paar Monate vorbei. Momentan ist es schon viel, wenn ich alle 2 Wochen mal eine neue Abfüllung bekomme.