Dann schweben ihre Füße leicht zu der altbekannten Melodie über das schon ein wenig stumpf gewordene Parkett. Sie riecht die voll aufgeblühten, roten Rosen unter dem Fenster der Tanzschule in Buenos Aires, die ihren betörenden Duft ungezähmt und wild zu den leidenschaftlichen Takten des Tangos in die Räumlichkeiten strömen lassen.
Sie fühlt die Hände ihres Tanzpartners Carlos, der den gleichen Namen trug wie der Sänger des von ihr so geliebten Tango-Liedes, an ihrem Körper, riecht den sanften Seifenduft, der ihn immer umgab und den sie so sehr mochte, riecht, wie sich in ihren Schritten und Drehungen genau dieser Seifenduft verwob mit dem vollblütigen Geruch der rassigen Rosen.
Sie tanzt in ihrer kleinen Wohnung, tausende von Meilen von Buenos Aires entfernt, behende, als trüge Carlos sie weiterhin durch die Ochos, die von den Frauen getanzten Achten des Tangos, sie riecht den Duft der Erinnerungen an Seifen und Rosen und würzigen Nelken.
Genau der Nelken, die im Tanzsalon in den kunstvoll verzierten Vasen auf den feinen Tischchen am Rande der Tanzfläche arrangiert wurden, und sich in den Duft aus roten Rosen und feinster Seife mischte, wodurch sich eine tiefe Würze in die Melancholie des Tangos hineinschlich.
Nur Carlos und sie, inmitten anderer sie bestaunender Paare, eins miteinander, leidenschaftlich, verschmelzend, und doch nur bis zum letzten Takt, bis zum Ausklingen der Melodie. Mit dem letzten Ton trennten sich ihre Körper, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf ihre Schülerinnen und Schüler, wurden sie wieder zu den beiden Tanzlehrern, die sie eigentlich waren, nicht die in einem Rosen-Seifen-Gewürznelken-Traum bei sich verzehrenden Tangorhythmen umfangenden Liebenden, die sie von ganzem Herzen gerne gewesen wären.
Und wenn sie abends nach Hause ging, haftete immer noch der Geruch der verführerischen Rosen und würzigweichen Nelken sowie der Duft von Carlos Seife an ihren Kleidern, die sie ganz nahe an ihrem Bett zum Glätten aufhing, um den Duft auch ja die ganze Nacht bis in ihre Träume hinein riechen zu können.
Und so tanzt sie bis zum letzten Klang von „Mi Buenos Aires Querido“, bis ihre alten Füße und Beine anfangen zu schmerzen, ihre von den vielen Jahrzehnten faltig gewordenen Hände langsam wieder herabsinken und ihr in Erinnerungen schwelgendes Gesicht wieder stumpf in sich zusammensinkt.
Wo sie hier nur ist, das weiß sie nicht mehr. Wer da gerade einfach in ihr Zimmer kommt und ihr eine Tasse Tee hinstellt, auch das kann sie nicht sagen.
Sie meint, ihr eigener Name sei Maja, aber so ganz sicher ist sie sich auch da nicht mehr.
Aber sie weiß um Carlos. Und den Tango. In Buenos Aires. Und den wunderbaren Duft nach Liebe, Verlangen, Freiheit und Sehnsucht.
Oh, Du hast ein Stück in die Vergangenheit reinriechen dürfen, da beneide ich Dich! Meine Erinnerungen an Maja in den 70ern, als es den Duft als einen der wenigen (und beileibe nicht der mit dem niedrigsten Preis) in jeder Drogerie gab, ist lückenhaft. Ich meine, er hätte deutlich alchimistischer und nelkenkräuterwürziger und dunkler geduftet als die recht lichte und zart süße heutige Maja, die ich ja durchaus sehr schätze.
In diese Geschichte kann man total hineintauchen ... schreib doch bitte über die Jugend dieser beiden Tanzlehrer ein wenig mehr. Es ist wie der Beginn eines fesselnden Fortsetzungsromans. Die Weltlage ist heutzutage so brüchig, da brauchen wir ein paar Duftgeschichten, die uns entführen ... in bunte, leidenschaftliche, majestätische Gefilde voller Intensität, Musik und Gefühl.
Das sehe ich ähnlich, wenn mich jemand fragt, warum ich mich in der jetzigen Krisenlage mit so profanem wie Düfte beschäftige. Ein bisschen Zauber braucht jedes Leben, und mir geben das die Düfte. Es freut mich sehr, dass Dir die Geschichte gefallen hat!
Wunderbare Idee - die Verbindung von Tango und Erinnerung an vergangene Liebe vermittelt den Duft sehr intensiv und lebendig. Ich muss allerdings gestehen, dass ich nur die großartige Seife kenne, vermutlich ist der Duft aber doch zumindest verwandt.
Ganz schön beschrieben! Als ehemaliger Tanzschüler kann ich sagen, ich kenne Carlos nicht und Tango war auch nie meins, da fehlt mir wohl das Rhythmusgefühl bzw. es ist zu deutsch, also lieber Disco-Fox...
.. intensiv , lebendig , stolz , furchtlos , schmerzhaft und voller Melancholie .. ein wunderbarer Text zum und über den Tango und allem , wofür er steht .. danke Dir dafür !
Was für eine schöne und doch sehr wehmütige Geschichte zu einen Duft den wohl so einige von uns noch sehr gut kennen. Ich kenne Maja. Wenn auch vieles geht. Die Erinnerung an Düfte bleibt..!
Ja, den Duft kenne ich noch von ganz lange und weit her. Dass es den noch gibt? Zumindest besaß ich die Seife hin und wieder. Der Duft war mit damals, als jung war, nicht passend und viel zu stark. Und auch bereis altmodisch. Längst hatte ich ihn vergessen. Jetzt fällt mir sofort "Dance me to the end of love" von Leonard Cohen ein. Aber dazu lasst Maja auch nicht. Besser passt zu Deiner Rezitation, der Song aus "Lola Blau" von Georg Kreisler: "Ich hab vergessen, dich zu vergessen". Gesungen von Topsy Küppers
Wahrlich herzerwärmend und voller Wehmut.
Der Duft von Maja lädt zum Schweifen ein, zum Träumen, zum Erinnern.
Ich hinterlasse ganz leise einen Gardel-Pokal, um die Liebenden nicht zu stören.
🏆
So eine ähnliche Geschichte hätte ich von meiner Tante schreiben können, nur hat sie statt getanzt immer musiziert. Dann war sie für Stunden in ihrer kleinen Welt, mit all den anderen Musikern aus ihrer ehemaligen Gruppe und die bereits lange vor ihr gegangen waren. Und sie war in diesem Orchester am glücklichsten.
Schöne Rezension zu einem nicht alltäglichen Duft.
Schön, dass Du Besucher bei meiner Tango-Tanzschule warst!
Darauf gleich mal Gardel 'Volver' singen lassen -
Und träumen.
Ich stelle ganz still einen Pokal hier ab........
Der Duft von Maja lädt zum Schweifen ein, zum Träumen, zum Erinnern.
Ich hinterlasse ganz leise einen Gardel-Pokal, um die Liebenden nicht zu stören.
🏆
Schöne Rezension zu einem nicht alltäglichen Duft.