Auch in diesem Fall begebe ich mich wieder auf eine Spur, die Luca Turin gelegt hat. In seinem Kompendium "Perfumes. The A-Z guide" (2008) gehörte Missoni (1981) zu den wenigen Düften, die ich noch nicht kennen lernen konnte - und die quasi verschollen zu sein scheinen. Das zeigt sich auch hier auf Parfumo an den fehlenden Kommentaren bzw. den fehlenden Statements, und zwar sowohl beim Parfum als auch beim EdP. Beim Parfum finden sich gerade einmal sechs Bewertungen und ebenso viele Besitzer, beim EdP fehlen sämtliche Hinweise. Gleichwohl widmet Luca Turin dem Duft eine ausführliche Rezension und resümiert, es beschleiche einen "das unheimliche Gefühl, dass das Parfum lebt und sich nach und nach gleichsam selbst komponiert. Die meisten Parfums sind rasch verbleichende Fotos, dieses hingegen ist ein Film" (Zitat LT).
Seit Jahren hatte ich immer wieder einmal Ausschau nach dem Duft, auf den Maurice Roucel besonders stolz gewesen sein soll, gehalten, seit einigen Monaten geradezu systematisch danach gesucht, bis ich endlich auf eine bezahlbare Miniatur mit Parfum (!) stieß. Natürlich merkt man einem Duft aus den 80ern, der offensichtlich schon eine Weile vom Markt verschwunden und gleichsam ein Phantom der Duftkultur ist, sein Alter deutlich an, und ich verweise auch hier wieder darauf, dass er frisch aus der Produktion anders gerochen haben wird. Dennoch sind aus meiner Sicht die meisten angegebenen Komponenten gut identifizierbar und ist Missoni (1981) ein Juwel aus den 80er Jahren, vorausgesetzt, man hat ein Herz und eine offene Nase für Blütendüfte.
Das Parfum ist rund um eine Chypretextur komponiert (Bergamotte, Rose, Jasmin, Moos, auch etwas Patchouli), wird allerdings zunächst von süßen, schweren Blumennoten dominiert, denen aber die Penetranz mancher Weißblüher-Kompositionen fehlt. Dafür ist der Duft zu üppig auch mit Rose, Rosengeranie und anderen Blüten bestückt, so dass sich eher eine recht süße Harmonie einstellt. Auch harzige und fruchtige Töne sorgen für einen runden Gesamteindruck, bei dem sich erst nach einer Weile die Aldehyde bemerkbar machen. Sie tauchen also - anders als in vielen anderen Düften - nicht schon in der Kopfnote auf, sondern müssen sich erst gegen die Übermacht süßer Blüten behaupten. Das Prickeln der Aldehyde (oft kann ich sie mit diesem Eindruck am besten beschreiben) sorgt aber, ebenso wie die moosigen und animalischen Töne, für eine minimale Disharmonie, die dem Duft Spannung verleiht.
Bemerkenswert ist übrigens, dass Missoni im Laufe seiner Entwicklung schnell an Wucht verliert, unkomplizierter und tragbarer wird und fast eine grüne Frische entwickelt. Luca Turin spricht von einer Minznote. Das mag man so empfinden.
Tatsächlich macht der Duft eine Metamorphose von purer Harmonie (Blüten, Fruchttöne), über eine dezente Dissonanz (Animalik, Moos) bis hin zur meditativer Ruhe (Holz, Harz, Grünton) durch, weshalb der oben zitierte Eindruck von Luca Turin, das Parfum lebe und schaffe sich selbst, nicht ganz von der Hand zu weisen ist.
Ein Duft mit Eigenleben, mit Entwicklung, mit Eigenwillen: 1981, those were the days my friend.
.. Turin hält (meist) viel von Roucel - ich find auch die 24, Faubourg
Rezension bemerkenswert . Dein Kommentar ist eine ausgezeichnete Ergänzung zum Missoni Duft !
Ich hatte damals dann einen Mini vom Missoni Aria, den ich ganz toll fand. Er ist verantwortlich für meine gewisse Vorliebe für saftige Fruchtnoten ohne Vanille oder andere Gourmanddinge. Der klassische Missoni hier wäre mir sicher zu chypriös, geschnuppert habe ich ihn nie. Obwohl insbesondere der Satz mit den verblichenen Photos und dem Film schon sehr prickelnd klingt.
Unglaublich, was für spannende Düfte es gibt - und du auftust! Ein Duft, der lebt und sich selbst komponiert und dann verschollen ist... Vielen Dank für den Parfüm-Thriller :o)
ein sehr schöner Kommentar, vom Duft war ich nicht so begeistert, aber es ist auch schon so lange her. Vielleicht würde ich ihn heute anders empfinden.
Wie schön,dass es noch Schätze zu entdecken gibt.Solange Du Dir diese Neugier erhalten kannst,ist für uns Andere gut gesorgt:=)Danke für den schönen Kommentar.
Das hört sich nach einer spannenden und kontrastreichen Komposition an! Da hattest Du dann wohl einen echten Schatz unter der Nase. Hätte ich in den 80ern auch nur ansatzweise geahnt, wie sehr mich Düfte mal beschäftigen würden, hätte ich sicherlich einen Vorrat an Test-Material nun "verschollener" Düfte angelegt ;-))
Dieses Eigenleben klingt aber richtig gut. Ich begebe mich trotzdem nicht auf die Suche, ich habe zurzeit so viel gefunden und die Nase noch nicht dran gehabt...
Mit dem hatte ich die gleichen Schwierigkeiten wie mit dem etwas späteren Ysatis: fantastischer Blütenrausch zum Verlieben, aber dann kam die Miezekatze und pieselte in die Blumen. In diesem Fall hatte sie vorher auch noch ein Glas Honig ausgelöffelt. Süßes Katzenpipi - brrrr! Die Erinnerung daran schüttelt mich noch heute.
Wie gut, dass es Dir gelungen ist, diese Rarität zu bekommen und dass der Duft auch noch so gut in Schuss ist. Spannender Kommentar. Ich hatte den falschen Missoni herausgepickt und mich gewundert, wie gut LT den bewertet hat.
Wunderbarer und profunder Duftbericht, den ich mit Vergnügen gelesen habe. Gut, dass du diesen 80er- Prachtduft hier implementiert und so vielleicht vor dem Vergessen bewahrt hast.
Das liest sich ja wieder einmal großartig! Von dem Duft habe ich nie vorher gehört, auch wenn mir der Name Missoni ein Begriff ist und daß es unter dem Namen auch Düfte gibt/gab. Ich bin sicher, daß mir der Duft auch gefallen würde, habe ich doch ein großes Herz für Düfte von damals. Über LT lasse ich mich jetzt mal nicht aus, aber über deine Entdeckung freue ich mich sehr!
Wahrlich einen Schatz gefunden hast Du da. Vielen Dank für den informativen Kommentar. Mein Duft wäre er vermutlich nicht geworden, aber meine Mutter hätte er mit Sicherheit verzückt.
Missoni muss man moegen und ich meine hier sowohl den Duft, als auch die Strickmode. An den Duft kann ich mich noch sehr gut erinnern. Chamaeleontisch, ueppig, ja fast laut, aber nicht kreischend. Ein Miteinander aus vielen Duftnoten und trotzdem so ausgewogen wie eine der beruehmten Patchworkjacken von Missoni.
Interessant! Allerdings stehe ich den relativ alten Düften skeptisch gegenüber, vor allem den alt gewordenen Vintages. Bis auf Ausnahmen. Dennoch könnte ich den Deiner Beschreibung nach mögen.
Ich hatte mal ein Fläschchen von diesem schönen Missoni und fand den Duft auch ganz wunderbar. Ich empfand den Duft fülliger als andere dieser Duftfamilie. Luca Turin... seine launigen u. exzentrischen Beiträge zu Düften stehe ich sehr kritisch gegenüber.
Rezension bemerkenswert . Dein Kommentar ist eine ausgezeichnete Ergänzung zum Missoni Duft !