Mikayla
Mikaylas Blog
vor 5 Monaten - 11.01.2024
47 135
Jacques Edouard Guerlain: Das Erbe eines Meisters der Parfumerie

Jacques Edouard Guerlain: Das Erbe eines Meisters der Parfumerie

Ein Blick auf Leben und Schaffen eines der bedeutendsten und einflussreichsten Parfumeure des 20. Jahrhunderts - Jacques Edouard Guerlain.

Parfumerie? Es ist eine Frage der Geduld und Zeit. 

Jacques Guerlain

Mit dieser kurzen, aber kraftvollen Aussage skizziert Jacques Edouard Guerlain das zeitlose Grundprinzip der Parfumkunst und die Essenz seiner kreativen Schöpfungen. Als dritter und berühmtester Parfumeur der Guerlain-Familie schuf er zahlreiche Düfte, von denen viele noch heute als Meisterwerke gelten. In diesem Artikel tauchen wir ein in das Leben und die außergewöhnlichen Kreationen eines Mannes, der mit seinem Streben nach Perfektion, seiner künstlerischen Sensibilität und seinen kühnen Ansätzen die Welt der Düfte nachhaltig geprägt hat.

Die Anfänge eines Parfummeisters

 Jacques Guerlain kam am 7. Oktober 1874 in Colombes, einer modernen Industriestadt nordwestlich von Paris, zur Welt. Er war das zweite Kind von Gabriel und Clarisse Guerlain, geboren in einer Dynastie berühmter Parfumeure, die das Handwerk der Duftkomposition über Generationen hinweg ehrten. Nach der Familientradition wurde er zunächst in England unterrichtet und studierte dann an der École Monge in Paris Geschichte, Englisch, Deutsch, Griechisch und Latein.

Doch diese Ausbildung war nur der Anfang für seine lebenslange Leidenschaft für Kompositionen und ätherische Öle. Im Alter von sechzehn Jahren führte ihn sein kinderloser Onkel Aimé Guerlain tiefer in die Welt der Parfumerie ein - Jacques wurde sein Lehrling und potenzieller Nachfolger. Unter Aimés Anleitung verfeinerte Jacques seine Fertigkeiten, experimentierte mit Duftstoffen und begann, seine ersten eigenen Parfums zu komponieren.

Der Damenduft "Ambre" im Jahr 1890 war sein erstes Werk. Es folgte ein Praktikum im Labor für organische Chemie unter der Leitung des berühmten Chemikers Charles Friedel an der Universität Paris, bevor er 1894 offiziell in das Familienunternehmen eintrat. In dieser Zeit verbesserte er nicht nur sein handwerkliches Geschick, sondern perfektionierte auch die Kunst der Parfumierung von Tinte und experimentierte mit zahlreichen ätherischen Ölen. Aus dieser Zeit stammen mehrere Parfums, darunter "Tsao Ko" (1898), sein erstes vom Orient inspiriertes Werk.

Im Alter von 23 Jahren war es dann so weit: Zusammen mit seinem Bruder Pierre und seinem Vater übernahm Jacques die Leitung des Familienunternehmens. Zwei Jahre lang wechselte er sich mit seinem Bruder als Geschäftsführer und Chefparfumeur ab, bevor er schließlich endgültig die Position des Chefparfumeurs übernahm.

Jacques' erstes Werk 'Ambre'
Jacques' erstes Werk "Ambre"

Eine Sammlung von Meisterwerken

Obwohl Jacques Guerlain Interviews vermied und wenig über sein persönliches Leben und seinen Schaffensprozess preisgab, fand er eine ausdrucksstarke Sprache in seinen Parfums.

Unter dem Motto Le bilan d'un siècle (auf Deutsch: Die Bilanz eines Jahrhunderts) war die Weltausstellung 1900 im Zentrum von Paris ein Schaufenster für Innovationen und Kunst, die Millionen Besucher anzog. Auch Jacques Guerlain präsentierte hier eine Neuauflage seiner Duftkreationen: "Voilà Pourquoi j'aimais Rosine" - ein blumiges Parfum, das als Hommage an die französische Schauspielerin und enge Freundin der Familie Guerlain, Sarah Bernhardt (gebürtig: Rosine Bernardt), gewidmet war.

Ausstellungsfläche der Weltausstellung 1900
Ausstellungsfläche der Weltausstellung 1900

Sein nächstes Werk, "Fleur Qui Meurt" (auf Deutsch: "sterbende Blume") von 1901, war das Ergebnis eines neuen Experiments mit einem synthetischen Veilchenduft - eine poetische Darstellung des letzten Augenblicks einer Blume, die sich ihrem Parfum opfert. Der Duft wurde bald von zwei weiteren Kreationen begleitet: "Voilette de Madame" (1904) und "Mouchoir de Monsieur" (1904), die für ein befreundetes Ehepaar von Guerlain geschaffen wurden. 

Das Jahr 1905 brachte nicht nur kreative Erfolge, sondern auch große persönliche Umbrüche für Jacques. Mit 31 Jahren heiratete er seine Geliebte Andrée Bouffet, eine Protestantin aus Lille, was seinen Ausschluss aus der katholischen Kirche zur Folge hatte. Dies bremste jedoch keineswegs seine kreative Energie: Ein Jahr später präsentierte er "Après l'Ondée" (auf Deutsch: "Nach dem Regen"), ein Parfum, das nach einer anisartigen Aldehyd-Innovation duftete und ein großer kommerzieller Erfolg wurde. Im selben Jahr kam auch sein erstes Kind, Jean-Jacques, zur Welt. 

Jacques Guerlain war vom Orient fasziniert - auch wenn er nie dort gewesen war. Dies führte dazu, dass er sich intensiv mit orientalischer Kunst beschäftigte und exotische Themen in seine Kreationen einfließen ließ. 1911 präsentierte Guerlain "Kadine" - der Duft sollte die Verbindung zwischen Paris und dem Orient symbolisieren und Guerlains Vision einer Frau zelebrieren: vielschichtig, elegant und edel. Auch sein Zuhause in der Rue Murillo am Parc Monceau war mit orientalischen Schätzen geschmückt. Er sammelte Fayencen aus Nevers und Rouen, bewunderte die meisterhaften Möbel von André Charles Boulle und Bernard van II Risamburgh und besaß Gemälde angesehener Künstler wie Francisco Goya und Edgar Degas sowie antike Bücher.

Die Rue Murillo in Paris
Die Rue Murillo in Paris

1912 enthüllte Jacques Guerlain "L'Heure Bleue" (auf Deutsch: "Die blaue Stunde"), der die Zeit des Wandels  verkörpert - inspiriert vom Übergang vom Sonnenuntergang in eine sternenklare Nacht. Zugleich war der Duft auch ein Vorbote für das nahende Ende einer von Frieden und Fortschritt geprägten Epoche - der Belle Époque.

Jacques Guerlain sagte einmal, dass er eine Vorahnung des bevorstehenden Unglücks hatte. Ich konnte es nicht in Worte fassen", sagte er mir. Ich fühlte etwas, das so intensiv war, dass ich es nur in einem Parfüm ausdrücken konnte.

Jean-Paul Guerlain, Jacques Guerlains Enkel 

Am Abend vor dem Ersten Weltkrieg präsentierte Guerlain das aromatisch-süße Parfum "Champs-Elysées" (1914) anlässlich der Eröffnung der Stammboutique von Guerlain in der 68 Avenue des Champs-Élysées in Paris. In einem Flakon in Schildkrötenform präsentiert, war der Duft eine Hommage an den architektonischen Stil des Boutiquenbauers Charles Mewès. 

Während des Krieges arbeitete Jacques Guerlain an seinem berühmten Duft "Mitsouko". Der im Jahr 1919 veröffentlichte blumige Chypre-Duft war das Ergebnis unzähliger Versuche mit Eichenmoos und dem Gamma-Undecalacton (eine pfirsichartige Note). Als Inspiration für die Kreation diente die Heldin aus Claude Farrères Bestseller-Roman La Bataille . Im Gegensatz zu dem weicheren, floralen Duft "L'Heure Bleue" repräsentierte "Mitsouko" eine neue Ära nach dem Krieg.

Im Jahr 1925 enthüllte Jacques auf der Internationalen Ausstellung für Moderne Industrie- und Dekorationskunst das orientalisch-pudrige Parfum "Shalimar". Der exotische Duft, inspiriert von den prächtigen Gärten der Moguln, wurde rasch zu einem Klassiker und Bestseller des Hauses Guerlain. Es folgten weitere Kreationen wie "Djédi" (1926), "Vol de Nuit" (1933)" und "Coque d'Or" (1937), die ihre Inspiration ebenfalls aus künstlerischen und kulturellen Einflüssen schöpften.

'Shalimar' aus 1925 - das Ergebnis von vier Jahren Arbeit
"Shalimar" aus 1925 - das Ergebnis von vier Jahren Arbeit

Zeiten des Wandels

Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Wunden bei Guerlain. Sein jüngster Sohn Pierre, gerade einmal 21 Jahre alt, wurde in Baron an der Oise zum Kriegsdienst eingezogen und verlor sein Leben in der Schlacht. Dieser schmerzliche Verlust stürzte Guerlain in eine so tiefe Trauer, dass er zwei Jahre lang keine Parfums mehr kreierte und auch sein Gestüt in der Normandie aufgab. Stattdessen widmete er sich auf seinem Landgut in der grünen Gemeinde Les Mesnuls dem Anbau von Obst und Gemüse, das er an seine Fabrikarbeiter liefern ließ.

Erst im Jahr 1942, im Alter von 68 Jahren, kehrte er mit dem neuen Parfum "Kriss" zurück, das nach einem indonesischen Dolch benannt wurde. 

In den letzten achtzehn Jahren seines Lebens kreierte Guerlain nur noch sporadisch Düfte. Stattdessen zog er sich vermehrt auf sein Anwesen zurück und widmete seine Zeit den Blumenbeeten, Obstgärten und einem japanischen Garten. Zu seinen letzten Parfumkreationen zählen Werke wie "Fleur de Feu" (1949), ein süß-blumiges Aldehyd-Parfum, und "Atuana" (1952), benannt nach der letzten Ruhestätte des Malers Paul Gauguin. "Ode" (1955), Guerlains letzte Schöpfung, entstand in Zusammenarbeit mit seinem Enkel und Nachfolger Jean-Paul Guerlain und verewigte in einem Blumenmuster die Schönheit seiner Gärten.

'Ode' - der letzte Duft von Jacques Guerlain
"Ode" - der letzte Duft von Jacques Guerlain

Ein Spiel zwischen Tradition und Innovation 

Jacques Guerlains Kreationen waren ein Spiel zwischen vertrauten, traditionellen Duftnoten und unerwarteten, innovativen Akkorden. Guerlain wagte es beispielsweise, grüne Noten wie Galbanum in den dreißiger Jahren zu verwenden, was zu dieser Zeit unkonventionell war.

Seine Arbeitsweise folgte immer einem methodischen Vorgehen. Es wird berichtet, dass er selten direkt an den von ihm verwendeten Ingredienzien gerochen hat. Stattdessen verteilte er die Parfumnoten auf Duftstreifen und beobachtete genau die Entwicklung und die Wechselwirkungen im Laufe des Tages. Auf diese Weise wollte er die Nuancen und Feinheiten der Noten besser verstehen, um die gewünschte Qualität und Harmonie in seinen Kreationen zu erreichen.

Seine Haltung zur Perfektion und sein Streben nach höchster Qualität spiegelten sich auch in seiner kritischen Natur wider. So galt er als wählerisch und manchmal streng in seinen Urteilen. Doch gerade seine äußerst anspruchsvollen Standards verliehen seinen Kreationen die Qualität. Jean-Paul Guerlain beschrieb ihn als einen Parfumeur, der wie ein Porträtmaler an seiner Staffelei arbeitete. Nachdem die Kreation vollendet war, wählte er einen Flakon aus und bot das neue Parfum sofort in der Boutique zum Verkauf an. Regelmäßig besuchte er dann die Boutique, um das Feedback seiner Kunden einzuholen.

Das Vermächtnis von Jacques Guerlain

Am 2. Mai 1963 endete schließlich ein Leben, das die Parfumindustrie geprägt und mehr als 80 bekannte Düfte hinterlassen hat. Jacques Guerlain starb im stolzen Alter von 88 Jahren und fand seine letzte Ruhestätte auf dem berühmten Pariser Friedhof Passy, wo er neben seinem Sohn Pierre und seinem Vater beigesetzt wurde.

Mit seinen einzigartigen Parfums, von denen viele in der Osmothèque archiviert sind, konnte er den Ruf der Guerlain-Düfte festigen und die Familientradition fortsetzen. Auch heute noch, viele Jahre nach seinem Tod, werden seine Werke von vielen Parfumliebhabern hochgeschätzt und dienen als Quelle der Inspiration.

Bildquellen:
"P1260052 Paris VIII rue Murillo rwk" von Mbzt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1f/P1260052_Paris_VIII_rue_Murillo_rwk.jpg, "Perfume Shalimar" von Gonna Fly Now, CC BY-SA 2.0, Library of Congress, Public domain, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6b/Vue_panoramique_de_l%27exposition_universelle_de_1900.jpg, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b0/Perfume_Shalimar.jpg, https://piimages.parfumo.de/0/5/3469_9899c189ff7e33eb417ef7861a5eb649.jpg

Aktualisiert am 12.01.2024 - 02:16 Uhr
47 Antworten

Weitere Artikel von Mikayla