Was gibt es für einen besseren Beleg für meine in No. 1 geäußerte These, dass Seuchenzeiten sich für Kölnischwässer eignen, als die Tatsache, dass dies der dritte 4711-Kommentar in einer Woche und fünfte in zwei Monaten ist? Davor war sechs Monate Ruhe. Das Zeug hat definitiv Konjunktur, die Zeiten inspirieren zum Colognieren (manchmal vielleicht auch mit dem Umweg übers Transpirieren).
Wenn das "Classique" von Alpa eine weichgeschliffene Bergamotte ist, dann ist 4711 eine Voll-auf-die-Fresse-Bergamotte, mit reichlich und reinlich spürbarer Zitrone. 4711 hat eine kompromisslose zitrische Härte und Schärfe, die fast metallisch schneidend ist. In diesem Anfang liegt der unverwechselbare Sound von 4711, den kein anderer Duft der Welt so hat.
Damit ist dieser Duft ein echter Frische-Shot. Wenn er ein Kaffee wäre, dann wäre es ein Espresso Ristretto Doppio. Aus 100% Robusta-Bohnen. Mit maximalem Röstgrad. Kochend heiß. Damit ist 4711 auch ein echtes Anti-Parfüm. Es hat nichts Schwelgerisches, Weiches, nicht von "ich mache mich schön und lasse es mir gutgehen".
Daher war 4711 auch in den Zeiten und bei den Zielgruppen immer möglich, in denen ein Parfüm nicht ging. Parfüm? Das ist doch für Frauen, ich bin ein Mann. Das ist für Franzosen, ich bin Deutscher. Das ist für junge Frauen, ich bin schon vierzig. Das ist etwas für glückliche Menschen, ich bin Witwe. Das ist doch höchstens für den Sonnabend, beim lustig sein. Aber heute ist Werktag und ich arbeite. Oder Sonntag und ich bin in der Kirche. Ja, da geht Parfüm nicht. Aber 4711, das ist etwas anderes, das geht natürlich immer. Das ist doch was Reelles. Ein Medizin. Ein Werkzeug! Wie Odol bei Mundgeruch. Wie Franzbranntwein bei Muskelkater. Wie Klosterfrau Melissengeist bei Katarrh.
Das ist auch alles wahr, und wegen dieser Härte und fast schon ungemütlichen Schnelligkeit dieses Duftes ist er auch heute noch passend für Situationen, in denen die Umwelt bei einem "echten" Parfüm vielleicht fragen würde: Hat der/die sie noch alle? JETZT nichts besseres zu tun zu haben, als ein Parfüm aufzulegen??? 4711 kann sich auch der Feuerwehrmann während eines Großeinsatzes am brennendes Haus auftupfen. Oder die Corona-Ärztin in einer kurzen Pause von der Intensivstation. Und genau dann passt 4711 vielleicht auch am Besten, denn es wirkt sofort, es stimuliert und weckt auf.
Aber ein ganz, ganz kleines bisschen war dieses "4711 ist doch kein Parfüm!" auch immer eine listige Selbsttäuschung und Camouflage vor der Umwelt. 4711 ist eben kein reines Zitronenwasser, mit dem man auch den Kühlschrank auswischen könnte. Die Kräuter und der Lavendel im Herz (soweit man hier überhaupt einen klassischen Verlauf postulieren will) geben eine doch irgendwie edle Eigenart und Stabilität, und ja, ja, in der Basis, die nach 15 Minuten beginnt, ist etwas Zartes, Feines, Weiches, kaum spürbar, aber es ist da. Keine Vanille, kein Jasmin, aber doch ein zart blütiges Neroli. Und damit ist es doch ein bisschen Parfüm.
Ich mag 4711 sehr. Und auch wenn ich weder dem Duft noch dem Flakon Höchstnoten gebe, hoffe ich, dass beide in genau der Form, ohne Veränderungen, noch lange existieren werden!
Für den ikonischen Namen gibt es natürlich 10 Punkte.
Das war der Duftkommentar, und nun kommen noch ein paar Nachgedanken (coronafrei, aber omahaltig):
4711 wird ständig als "Omaduft" wahrgenommen. Und, nicht identisch, aber damit zusammenhängend, er wird mit "demütigenden" Szenen verbunden, in denen wir als kleine Kinder mit Taschentüchern, die mit 4711 getränkt waren, den Kakaomund oder das blutige Knie abgewischt bekommen haben, was wir doof fanden. Warum betüttelt uns die Oma so, wir sind doch groß und stark.
Natürlich verurteile ich niemanden, der so empfindet und der 4711 deshalb kategorisch ablehnt. Trotzdem, ich meine, man sollte eine solche Ablehnung auch mal reflektieren. Ich teile sie jedenfalls für mich persönlich nicht.
Klar ist 4711 für uns Parfüm-Nutzer "in den besten Jahren" (heute Lebensalter 40 bis 60) schon irgendwie ein Oma-Duft. Denn die Generation unserer Großmütter hat sehr viel 4711 benutzt. In deren Jugend war Hitler und Krieg, und als der vorbei war, waren sie oft Witwen, Vergewaltigungsopfer, Trümmerfrauen. Und dann war der Wiederaufbau einer heilen Welt mit Heimatfilmen angesagt. Das war nicht die Zeit von Chanel No 5, das war die Zeit von 4711. Und dann waren sie alt und sind bei 4711 geblieben. Und, ist daran etwas verkehrt? Muss man 4711 deshalb ablehnen? Ok, es gab natürlich auch richtig böse Omas. Wer so eine hatte, der will dann vielleicht wirklich nicht via 4711 an sie erinnert werden. Meine Omas hatten ihre Abgründe und ihre merkwürdigen Seiten, aber insgesamt waren sie nicht verkehrt. Und zu mir sowieso gut. Und dass sie 4711-Omas waren, und keine Mitsouko-Omas, das hat Gründe, auf die man vielleicht oft eher mit Mitgefühl als mit Widerwillen schauen kann.
Und was das andere angeht: Ich finde, wenn die Ehefrau oder der Ehemann einem ungefragt den Mund abwischt ohne vorher ausdrücklich um Erlaubnis zu fragen, dann ist das, solange man noch nicht senil ist jedenfalls, unangemessenes Betütteln. Für Eltern und Großeltern gehört(e?) es zur Job-Beschreibung. Aus deren Sicht ist (war?) es ein Ausdruck von Liebe und davon, das Kind nicht verwahrlosen zu lassen, es nicht mit versabbertem Mund durch die Gegend rennen zu lassen. Zur Job-Beschreibung des Kindes gehört es, das doof zu finden. Und zur Job-Beschreibung des erwachsen gewordenen Kindes, reifer geworden zu sein und die Abwischwut der Eltern und Omas in milderem, vielleicht sogar jetzt zärtlichem Licht zu sehen.
"Voll-auf-die-Fresse-Bergamotte" Herrlich! Hatte eben einen Lachkrampf.
Ein sehr toller Kommentar. Mich erinnert 4711 auch immer an meine Omas aber das sind sehr schöne Erinnerungen. Ich muss mir mal wieder ein Fläschchen besorgen. Darauf einen Pokal mit echt kölnisch Wasser!
Prost! Ich werde ihn trotzdem nicht tragen. Und das hat nichts mit der Qualität zu tun. Wahrscheinlich kann man 4711 auch statt Retterspitz benutzen.....
Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist auch eine Antwort wert! Ich mochte 4711 immer, hatte da nie postpubertäre Probleme. Touristen aus aller Welt lieben es sowieso. Die Erfrischungstuecher benutze ich aber doch als Werkzeug: Diesen alkoholischen Zitrushammer mit einer Abstrahlung aus dem Atomzeitalter überlebt kein Virus im Radius von 50 Metern ;-)
Objektiv finde ich Echt Kölnisch Wasser auch gut und es hat ja einen ganzen Gattungsnamen gestiftet. Die Colognes. Es gibts auch schon seit 1708 oder so (wenn die frz. Wikipedia recht hat). Es muss also gut sein. Leute unter 30 kennen es aber nicht und auch nicht die Marke 4711. 4711 ist die Größe der Durchschnittsniere. Krankenpflegeschüler bekommen das gesagt, weil man meint, es sei einfach zu merken. Sie kennen aber die Marke nicht. Merken es sich daher auch nicht.
Vielen Dank für diese sehr bedenkenswerten und mich überzeugenden Überlegungen zur transgenerationellen Duft-Psychohistorie. Und dafür einen großen OmaVerteidigungsPokal.
Das fand ich sehr unterhaltsam und plausibel! Dass ich persönlich Farina Gegenüber bevorzuge, spielt hierbei keine Rolle. Meine Oma hatte 4711 erst im hohen Alter kennengelernt und hatte es sich lustigerweise immer unter die Nase getupft, um es länger zu riechen (vielleicht ein hilfreicher Tipp für H+S-Nörgler ;))
Toller Kommentar mit bestechender Analyse. Das unterschreibe ich alles, lege persönlich in der Duftwertung bei mir aber noch einen Punkt drauf, und sei es bloß um die Guten gewinnen zu lassen ;-)
Nun muss ich aber doch mal etwas tiefer in die Lobkiste greifen - der Kommentar sprüht nicht nur vor originellen Einfällen, sondern bietet für meinen Geschmack auch eine der besten kultur-historischen und psychologischen Duft-Einordnungen, die ich hier je lesen durfte. (...sorry für die Schwer-Kaliber-Ausdrücke) Großer Großmutterpokal mit Historienlorbeer!
Das war mein erster Duft. Und ich war glaube ich erst vier Jahre alt damals. Und das „Allzweckmittel“ wurde glaube ich literweise an mir angewendet. Aber ich mag es immer noch sehr. Sehr erfrischender Kommentar dazu!...;)
Na da passt ja auch mein "Kreuzfahrerwasser" von heute ganz hervorragend ;-) Dass 4711 taugt, konnte ich vor etwa zwei Jahre wieder feststellen, als ich mal wild alle "Frischen" im Müller durchprobiert habe. Lanze-gebrochen-Pokal!
Einer der besten Kommentare, die ich hier je gelesen habe. Humor, Geschichte, psychologische Aufarbeitung und das Ganze mitfühlend, verständnisvoll und doch neutral rübergebracht, ohne den Duft aus den Augen zu verlieren.... Am liebsten würde ich dir 10 Pokale geben. :)
Ich habe bereits den ersten Teil mit der Espresso-Einordnung, den Anwendungsmöglichkeiten und -gegensätzen und der Duftbeschreibung mit viel Interesse und Vergnügen gelesen.
Noch mehr hat mich Deine sachliche und versöhnliche Liebeserklärung an unsere Großmütter begeistert. Ich bin berührt und hatte genau so eine Oma. Die Jobbeschreibungen rücken auch Einiges zurecht, genauso ist es.
Herrlich! Meine Oma benutzte auch kein Parfum, aber 4711 war immer im Haus und Klosterfrau Melissengeist ebenfalls. 4711 ist so vielseitig einsetzbar, dass es nicht nur in den Duftschrank gehört, sondern auch in die Hausapotheke. Ein Hoch auf die Omas und auf 4711, das mir auch nie aus geht.
Wunderbar berührend. Recht hast Du schon in der Überschrift (und im ganzen Kommentar sowieso): neulich habe ich mir ein Fläschchen 4711 geholt - als Desinfektionsmittel :)
Wunderbar. Die Remixe aus 2018 und 2020 gefallen mir besser als das Original. Aber die Jobbeschreibung der Oma war wunderbar. Erst Schokoeis und dann Schnabel abwischen ;)
Großartig, mein Lieber! Auch ich hatte eine 4711-Oma, die das besagt köllsche Wässerchen bei Hitze, bei Übelkeit, bei Kopfschmerz und Migräne, bei Fieber, etc. ausgiebig nutzte. Ich jedoch bekam und bekomme auch heute noch davon binnen von Sekunden bohrende Kopfschmerzen und Übelkeit. Der Duft bleibt eine Ikone, allerdings eine Ikone, die mir dolchartig in den Kopf sticht. Darum nun auch: Ikonen-Dolch-Pokal!
Besonders schön finde ich das mit der Jobbeschreibung! :)) Aber im Ernst: Ich liebe diesen Duft (wie man weiß), ich liebe alle Kölnisch Wässer (ja, alle, wie man sich denken kann) und ich wundere mich immer wieder, dass dieses Kultwasser hier nur einen Durchschnittswert von 6.6 hat. Wahrscheinlich wegen der fehlenden Haltbarkeit und Sillage. ;))
...der Duftkonzentrationen. Leider war Französisch nicht ihre Stärke und sie erkläte mir, dass es sich bei 4711 um ein Eau de Cologn (das e fehlte) handelt.
So hieß für mich als Kind das Düftchen lange Jahre " 4711 von Otto aus Köln".
Herrlicher kommentar. Meine geliebte Großtante Henny - ein Freigeist und eine der ersten Frauen, die sich ein Studium erstritten haben - war eine Mitsouko-Dame. Aber 4711 gehörte zur "Grundausrüstung". Sie führte mich auch in die Welt der Düfte ein und erklärte mir die Unterschiede....
Ich könnte jeden einzelnen Satz doppelt unterstreichen! Vielen Dank für diese zärtliche, wehmütige Laudatio de profundis. Ich werde keinen Kommentar zu 4711 schreiben, weil er nun nicht mehr nötig ist.
Schöner Kommi zu einem schönen Klassiker. Meine Oma trug Nonchalance, meine Tante Tosca. Somit ist 4711 von niemandem besetzt für mich. Dennoch verbinde ich den Duft freilich mit meiner Kindheit, wenn auch mehr mit den Erfrischungstüchern. Aber ich mochte den Duft schon immer und immer noch.
Das mit der Oma kann ich nicht so beurteilen, da eine sehr früh verstorben ist und die andere ein Drachen war. Ich kann mich nur dran erinnern, daß sie nach Uralt-Lavendel und Pfefferminze duftete. 4711 aber ist für mich eine sichere Bank, die immer dann funktioniert, wenn alles andere nicht mehr geht. Und für mich ein glatter 9er. Dein Kommentar ist wieder einmal pomforzionös!
Meine (68 Jahre ältere) Oma war eine "Klosterfrau Melissengeist Oma". Parfum, nicht mal 4711, war bei ihr kein Thema. Aber ich verbinde es (leider negativ) mit einer Dame der gleichen Generation, die eine zeitlang Freundin meiner Mutter war. Die hat den Duft gerne verwendet und Mini-Fläschchen verschenkt. Leider war die Dame geizig, dominant und manipulativ. Mein Mutter hat sich zum Glück irgendwann von ihr distanziert. Das Trauma bleibt leider...
Cheers! 4711 ist zwar nicht mein favorisiertes Cologne, doch Deinen Ausführungen stimme ich voll zu. Ich hatte zwar nur eine Lavendel-Oma und eine Chanel- und Guerlain-Oma und bin deshalb womöglich nicht traumatisiert. Aber die Szenen, die Du als demütigend beschreibst - was sie sicher sein mögen - sehe ich vor allem als demütig. Im Sinne von bodenständig. Und genau darin liegt für mich der Charme dieses 'Werkzeuges'.
Eine These besagt, dass in schweren Zeiten leichte Düfte bevorzugt werden. Damit könnte Deine Beobachtung das Colognes gerade Konjunktur haben untermauert werden.:)
Meine Oma trug kein 4711. Ich kann mich ehrlich gesagt an überhaupt kein bestimmtes Parfum bei ihr erinnern. Was eigentlich schade ist, denn hier fehlt mir eine gewisse olfaktorische Verbindung. Ein Hoch auf die 4711-Omas. Und auf Deinen Kommentar.
Ein sehr toller Kommentar. Mich erinnert 4711 auch immer an meine Omas aber das sind sehr schöne Erinnerungen. Ich muss mir mal wieder ein Fläschchen besorgen. Darauf einen Pokal mit echt kölnisch Wasser!
Noch mehr hat mich Deine sachliche und versöhnliche Liebeserklärung an unsere Großmütter begeistert. Ich bin berührt und hatte genau so eine Oma. Die Jobbeschreibungen rücken auch Einiges zurecht, genauso ist es.
So hieß für mich als Kind das Düftchen lange Jahre " 4711 von Otto aus Köln".