Ich schließe mich mit diesem Kommentar ausdrücklich nicht an die Diskussion an, ob früher alles besser gewesen sei. Ich persönlich glaube zwar auch, dass der aktuelle Markt wenig Überraschungen zu bieten hat, andererseits gerade bei kleinen Manufakturen die eine oder andere Perle zu finden ist. Auf Anmerkungen zu dieser Frage gehe ich bewusst nicht weiter ein, weil mich derartige Teildiskurse nicht wirklich interessieren - nur der Diskurs um Duft an sich.
Fest steht allerdings, dass dieser Duft, der vor allen Einschränkungen durch IFRA-Normen komponiert wurde, heute so wohl nicht mehr möglich wäre. Allein die gewaltige Portion Eichenmoos, die sich für einen ordentlichen Chypre nun mal gehört, müsste manchem Allergiker Alpträume bescheren. Wenn ich die jüngsten Kommentare von Profumo richtig deute, der sich mit der Wiederkunft der Chypres beschäftigt, gibt es inzwischen gelungene Substitute für diesen Inhaltsstoff, so dass Optimismus angebracht scheint. Der Duft von Eichenmoos ohne Allergene: dann wäre die Quadratur des Kreises gelungen.
Hier jedoch haben wir es noch mit einem Original zu tun, mit einer Diva aus vergangenen Jahrzehnten, ein wenig gealtert, aber immer noch so exaltiert im Auftritt wie einst, prätentiös, aber doch würdevoll. Das geht zusammen, wenn man über das entsprechende Charisma verfügt.
Das Eichenmoos mischt sich hier mit gehaltvollem, aber nicht aufdringlichem Ambra. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn man den Duftstreifen einen Tag liegen lässt und 24 Stunden später die immer noch markante Textur analysiert. Da halten sich Moos und Ambra die Waage. Auch wenn ich kein besonderer Liebhaber von Ambra bin: So mag ich es. Natürlich enthält auch dieser Chypre die notwendigen floralen Akzente aus Jasmin und Rose, grüne Spitzen erinnern an Vol de Nuit und sollten vom Galbanum stammen (in beiden in entsprechender Dosierung enthalten). Weiter traue ich mir keine Differenzierung zu. Zu vollkommen ist der Gesamtklang.
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich dem Duft die Höchstnote geben kann, weil ich immer ein bisschen mit einer so warmen, pudrig-pelzigen Ambra-Basis kämpfe.
Du Glücklicher! "Miss Dior" ist mir in der zweiten Hälfte der 80er Jahre begegnet, als ihn die Mutter einer guten Freundin trug - eine hochelegante, warmherzige, flirrende, strahlende Frau, unglaublich lebendig und beeindruckend. Sie trug sicherlich stets einen Sprüher zuviel - doch der Duft trug niemals sie, das wäre undenkbar gewesen. Dein Kommentar läßt sie vor meinem inneren Auge wieder sehr lebendig werden - danke!
Meine Großmutter hat den getragen und jetzt überlege ich mir, ob ich mir für 80 Euro
Eine versiegelte Flasche gönnen soll. Hier ( Schweden) sind noch sehr viele
Versiegelte längst vergangene Düfte zu haben. Oft zu einem lächerlichen Preis.
Wäre wahrscheinlich nichts für mich, aber nicht, weil früher alles besser oder schlechter wäre. ;) Der weiße Flakon sieht aber toll aus. Ich wusste gar nicht, dass es so eine Diskussion gibt.
Auch wenn frueher nicht alles besser war, Eichenmoos schon und wie Du sagst, viele klassische Duefte auch. Aber mein Parfumodasein hat mich gelehrt, dass es meist eine Alternative gibt. Und wie Du so schoen sagst, man muss auch fuer Neues offen bleiben.
Besonnener, inspirierender Kommentar, wie gern würde ich sagen „ich gebe dir 100% recht“ - aber leider konnte ich den noch nie schnuppern. Bin aber überzeugt, das du es genau triffst. Das Edt. kenne ich seit Kindertagen.
Oh, das klingt nach einer ganz hinreissenden Schönheit ihrer Zeit! Wie schön, dass du so einen Schatz - mit Flakon sogar - geniessen kannst. Das ist sicher ein Erlebnis.
Danke, dass Du diesem altehrwürdigen Duft noch einen Kommentar gewidmet hast. Meine anfängliche Skepsis gegenüber Chypres weicht allmählich einer kindlichen Neugier :)
Mit geht es mit Chypre oft wie Parfum Aholic.Klassiker haben einfach etwas unwiederbringlich animalisches.Ambra ist hier wahrscheinlich sehr präsent und schwer verdaulich.Pudrig/Pelzig klingt schon sehr schön...
Bei einem Reihentest hat er mich vor einigen Monaten umgehauen. Aber da ich auf solche Tests, in Kaufhäusern zumal, mittlerweile nicht mehr viel gebe, kommt er wieder auf die Merkliste.
Ich bin - Du weißt es - wahrlich kein Chypre-Anhänger, ABER bei den alten Klassikern (ohne diesen Duft zu kennen) ist das irgendwie anders. Sie sind so authentisch, besonders und eigen, dass ich ihnen einfach Respekt zollen muss. Und Deiner Einleitung kann ich mich ebenfalls nur anschließen.
Könnte es nicht sein, dass in dem Duft noch echte Ambra enthalten ist. Einmal konnte ich das in einem alten Duft wahrnehmen, jedoch war es nicht pudrig, sondern irgendwie ganz eigenartig-faszinierend-unbeschreiblich salbig, wie die in Spanien erhältliche Salbe mit Lebertran, die nicht nach Fischtran, sondern lieblich riecht...ich kann es nicht beschreiben.
Interessanter Gedanke mit der Qualität der Substitute. Bin Optimist und möchte mal daran glauben. Ansonsten bin ich auch kein Puderfreund, wie ich jüngst festgestellt habe. Wie immer informativ! Danke!
Mit dem habe ich mich vor Jahrzehnten respektvoll betupft. Natürlich war ich viel zu jung. Jetzt würde es erst richtig passen, aber nu isser wech. :( C’est la vie...
Allein der Flakon ist ein Träumchen! Zwar wissend um diese alte Duft-Formel habe ich sie leider noch nie riechen dürfen, was Deinem Kommentar nach ein großes olfaktorisches Erlebnis sein muss. Darum Danke zumindest für die Teilhabe via Kommentar!
Das Extrait kenne ich nicht, nur die Vintage EdT-Version. Leider kann ich so oder so nicht mit dem Duft, vielleicht liegts eben auch am geballten Eichenmoos, mit dem ich einfach seit Jahrzehnten nicht so richtig warm werde...? Indes ein feiner Kommentar von Dir - wie immer :-)
Der Kommi macht mir mal wieder Lust auf einen Ausflug in die Osmothèque, um die alten Originalformeln zu schnuppern. Vielen Dank für das Eintauchen in die Vergangenheit :)
Tolle Würdigung für einen Duft, den ich leider nur in der aktuellen EdT-Version kenne und besitze. Bin aber erleichtert, dass sie deiner Beschreibung klar entspricht - da scheint ein Duft unbeschadet in der Gegenwart angekommen zu sein.
Da hast Du ja wieder eine echte Rarität unter der Nase gehabt. Hilft aber alles nichts, die Bestimmungen hinsichtlich Eichenmoos nehmen sie ja sicher nicht zurück. Hoffen wir eben auf die Substitute.
Ich mochte das EdT von der guten Miss sehr gern, habe aber in der neueren Fassung einen guten Ersatz. Das Parfum ist mir leider unbekannt, bin aber ganz sicher, daß es ein kostbarer Schatz ist. Die schönen Chypreklassiker haben es mir eh angetan. Schön geschrieben!
Was für ein schöner und ruhiger Kommentar. Ich, für mich selbst, habe noch nicht herausgefunden, warum ich in manchen Düften Eichenmoos liebe und in anderen als sehr unangenehm empfinde. Meine derzeitige Lieblingshypothese ist, dass manche Vintages auf eine für mich unangenehme Art altern, also, dass sie sich schleichend doch verändert haben und deshalb den für mich seltsamen Eichenmoos-Gammelfaktor bekommen.
Sehr schöner Kommentar! Ich liebe die Kombination von Eichenmoos und Ambra sehr. Auch so enthalte in King Kong de Kenzo zum Beispiel. Sehr eigensinnig!
Ich mag sie auch noch immer, die exzentrischen Diven vergangener Tage, obwohl ich auch dort immer mal Ähnlichkeiten (mit ihren zeitgenössischen Düften) entdecke. Vielleicht kommen sie uns heute ja so einzigartig vor, weil wir sie nur noch selten riechen - und dann aus ihrem Zeit-Duft-Kontext gerissen.
Eine versiegelte Flasche gönnen soll. Hier ( Schweden) sind noch sehr viele
Versiegelte längst vergangene Düfte zu haben. Oft zu einem lächerlichen Preis.
Dior mag ich ja insgesamt sowieso sehr!