Tabac Original Cologne ist für mich ein ganz besonderer, ein Herzensduft. Mit ihm fühle ich mich nicht nur bei jeder Gelegenheit sowie zu jeder Jahreszeit und Garderobe exzellent angezogen. Er wirkt bei mir auch als Panazee und Leib-Seele-Universaltonikum: Bei Müdigkeit macht er wach, bei leichter Sinnkrise oder Depression stützt er wie ein frisch gewaschenes weißes Hemd und ein perfekt geschnittener Anzug, bei Ängsten vor einem schwierigen Termin flößt er Zuvertrauen und Sicherheit ein.
Daher habe ich über diesen Duft hier zwar schon viel geschrieben, in meinen Blogs, in Repliken zu den Kommentaren anderer und dergleichen mehr, aber immer noch keine Rezension. Ich habe immer auf die künstlerische Inspiration zu einem besonderen, literarischen Kommentar gewartet. Da der Musenkuss aber nicht erzwungen werden kann und die Zeit flieht, wird es nun ein ganz schlichter Kommentar: form follows function.
Was Lederdüfte angeht, ist in diesem Forum schon oft beschrieben worden, dass es im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten parfümhandwerklichen Ansätze gab, sich der Idee 'Leder' zu nähern. Ein Lederduft der Generation 'Knize Ten' riecht völlig anders als zum Beispiel 'Tuscan Leather', weil sich beide Düfte dem Thema von einer anderen Seite und mit anderen Mitteln nähern.
Ich denke, so verhält es sich auch mit Tabakdüften, auch wenn, soweit ich sehe, zu diesen hier im Forum bisher viel weniger klassifiziert und debattiert worden ist. Einer der ältesten Pfade der Annäherung dürfte von Caron 1919 mit dem Klassiker 'Tabac Blonde' beschritten worden sein. Der Duft hat viele Verehrer, ich kann mit ihm nichts anfangen und rieche auch keinen Tabak. Vielleicht kommt das noch. Der wahrscheinlich neueste Ansatz ist vermutlich stark chemisch unterstützt und evoziert in einer fotorealistischen Weise den Geruch von feuchtem, hellen Virginiatabak, oft zusammen mit einer Fruchtnote. Man meint, in der filterlosen frischen Zigarette drin zu sitzen, mit einer Schale Früchte davor. Ein Beispiel dafür wäre Veleno Doré von LM aus dem Jahre 2017 (die Fruchtnote ist hier Kirsche), ähnlich finde ich Ambre Tabac von Daniel Josier (Pfirsisch).
Tabac Original, zeitlich in der Mitte zwischen diesen beiden Ansätzen, ist wiederum völlig anders. Tabac Original ist ein Geniestreich. Sein Geruch ist absolut unverwechselbar und so leicht wiederzuerkennen wie der Große Wagen am Sternenhimmel. Es gibt keine mir bekannten Duftzwillinge (nicht mal Duftcousins) unter den bekannteren Marken. Einzig im Bereich der türkischen Kolonyas habe ich - verblüffend gute übrigens - Nachbauten entdeckt, insbesondere Tütün (deutsch: Tabak) von Eyüp Sabri Tuncer und Tütün Kolonyasi von Taris Incir Birligi. Sie unterscheiden sich in Nuancen vom Original, insbesondere sind sie etwas heller und leichter.
Riecht Tabac Original nach Tabak? Ich weiß es nicht. Vielleicht eher nicht. Tabac Original bietet fast das gesamte Spektrum eines klassischen zitrischen Colognes: Zitrone, Bergamotte, Neroli - dieser fettgedruckt verstärkt durch Petitgraindoppelung und Lavendel. Diese Noten treten aber nie alleine auf. Man riecht das Cologne heraus aus dem tiefen Inneren dieses diesem Duftes, aber man fühlt sich nie an leichte Sommerfrische erinnert, auch nicht in den allerersten Haarspitzensekunden der Kopfnote.
Von den klassischen Farina-Noten fehlt (nur) Rosmarin, das ist bezeichnend, denn dieser Duft ist garantiert grünfrei. Stattdessen wird der kölnischen Zitrik alles an holzigen und anderen braunen Noten zugesellt, was die Parfumeurswelt in den 50-er Jahren so zu bieten hatte. Die Nase des Betrachters wird mit Eichen- und Sandelholz sowie (gut verbaut) Vetiver geradezu zugebolzt, warmes bernsteinfarbenes Ambra kommt hinzu. Gewürze aus dem Küchenschrank wie Piment, Anis oder Gewürznelke sind (anders als in Old Spice, der in eine ähnliche Richtung zielt) allenfalls sparsam vertreten. Dafür hätte ich den aus den 80-ern bekannten maskuline Muskatellersalbei vermutet. Er ist hier nicht angegeben, vielleicht wird eine ähnliche Wirkung durch Kamille und Rosengeranie erzielt.
Die Wirkung habe ich bereits beschrieben: Der Duft ist extrem klar, markant, maskulin. Er hat Kante und Biss, strafft und zentriert den Träger, strahlt aber zugleich eine Aura von Wärme und Geborgenheit aus. Trägt man diesen Duft, kann man der Welt vielleicht nicht getröstet, aber immerhin getrost entgegentreten.
Lassen wir Nischenmarken wie Harry Lehmann außen vor, ist für mich Tabac Original auf der Herrenseite das, was Tosca bei den Damendüften ist: Nummer 1 der deutschen Beiträge zum Duft-Weltkulturerbe. Ironischerweise sind beide Düfte heutzutage für nahezu umsonst zu bekommen.
Der Name des Parfumeurs, über den ich nichts weiter in Erfahrung bringen konnte, klingt ganz klar weniger deutsch als katalanisch. Es scheint da in der Adenauerzeit eine Achse Barcelona - Stolberg (Rheinland) gegeben zu haben, die ich jedenfalls nicht rekonstruieren kann, vielleicht können andere weiterhelfen.
EdT, EdC und After Shave sollen jeweils leicht unterschiedlich komponiert sein. Ich halte das Cologne jedenfalls für den Goldstandard. Es hält lange genug, um als EdT durchzugehen.
Nicht ausbleiben kann ein Wort zum Image des Duftes als 'Opaduft': Zweifellos war Tabac Original zu einer bestimmten Zeit vielleicht in den 60-ern, sehr weit verbreitet: Eine Art Aventus oder One Million früherer Kalpas. Es ist verständlich, dass der Sound von Tabac Original dann irgendwann nicht mehr modern war und andere Duftrichtungen an der Reihe waren. Dazu kommt, dass es sicher ein zwei Jahrzehnte gab, in denen es im Kampf um die Weitergabe der eigenen Gene ein komparativer Nachteil sein konnte (aber schon damals nicht unbedingt musste!), wenn man im Balzritual das umworbene Weibchen nasal an dessen Vater erinnerte.
Wie dem auch sei, das alles ist schon wieder lange genug vorbei. Ich selbst bekomme für diesen Duft besonders viel Komplimente von bedeutend jüngeren Damen. Gut, ich bin alt genug, als dass "bedeutend jünger" z.B. auch 35 sein kann. Gleichwohl oder gerade deshalb: Ich halte Tabac Original gerade für die Generation der wirklich jungen Männer (20 bis 30) für einen echten Geheimtipp, und sei es zunächst einmal testhalber. Denn der Duft ist bei einem lächerlich geringen Preis von exzellenter handwerklicher Qualität und hat unendlich viel Charakter. Und ich meine, dass es allemal auf einen Versuch ankommt, ob ich nicht mit der Behauptung recht behalte, dass dieser Duft dazu geschaffen ist, um sowohl den jungen Träger selbst als auch sein angebetenes Gegenüber (w/m/d) ganz kolossal zu begeistern, und das durch Zeitablauf heute auch wieder garantiert frei von ödipalen oder elektralen Komplexen.
Der Klassiker, wenn es in meiner Kindheit darum ging meinen Vater zu beschenken ;) Schön zu wissen das bei den lange Zeit als “onkelig“ belächelten Düften ein kleines Revival einsetzt.
Das ist einer der ganz Großen. Den hat sogar mein Opa getragen, aber "natürlich" nur Sonn- und Feiertags ;-)!
Für mich ein zeitloser Klassiker. Nicht tot reformuliert und ein gelungener Kontrapunkt zu den so häufig vertretenen süßen Düften!
Ich kannte ihn auch schon von ganz ganz früher, der Onkel trug ihn. Habe ihn dann neulich wieder gerochen und muss sagen, dass ich den von Dir erwähnten Charme nachvollziehen kann. Ich mag ja aber auch Tabac Vert ;-)
Haha, „komparativer Nachteil ... , wenn man im Balzritual das umworbene Weibchen nasal an dessen Vater erinnerte“. Das wäre bei mir definitiv der Fall. Zum Glück hatte mein Vater nur sehr wenige Düfte. Danke für die wie immer aussagekräftige und unterhaltsame Bewertung.
Großartige Ehrung eines alten Klassikers.
Mein Onkel, der Hufschmied, ist für mich unsterblich mit Tabac Originale verbunden. Diese Melange aus brennender Glanzkohle in der Esse, zusammen mit diesem Herrenduft, während er ein neues Hufeisen schmiedete, prägte sich mir als damals Siebenjährige, als olfaktorische Erinnerung für immer in mein Gedächtnis.
Also, mir hat Tabac Original früher immer gut gefallen. Oft habe ich ihn allerdings nicht in die Nase bekommen. Grund genug für mich, den mal auszuprobieren.
Tabac Original ist für mich kein Opa- sondern ein Papaduft - hatte mein Vater, neben Pitralon, als Rasierwasser und meine erste Erfahrung damit ist auch Rasierwasser. Mochte ich immer gerne, muß ich mir vielleicht wieder mal ein Fläschchen zulegen. Schön schlichter Kommentar!
Was soll ich sagen? Da ist wohl doch eine Muse vorbei geflitzt! Wunderbar angenehm zu lesende Rezension über den absolut liebsten Herrenduft meiner Kindheit, am absolut besten aller Großväter zu riechen. Und was ich über die Düfte unserer Großeltern denke, habe ich ja bereits hinlänglich dokumentiert.
So, ich ziehe jetzt los und kaufe Tabac Original. Als Statement-Duft. Für meine Söhne.
So mit Herzblut geschrieben tut es mir benahe leid schreiben zu müssen, dass ich damals, ich war noch jung und schön - jetzt nur noch "und", den Duft an Männern nicht ausstehen konnte. Was im Nachhinein in wenigstens einem Fall ein fataler Fehler war, ich war eben jung und daher auf typische Weise oberflächlich....
Schöner und wohlklingender kann man das (verdiente) hohe Lied auf dieses deutsche Dufturgestein gar nicht singen!
Drum einen made-to-measure Meistersänger-Pokal für dich.
Was verstehst Du schon von einem ganz schlichter Kommentar? Sicher nicht viel, wenn Du diesen hier als solchen bezeichnest! Wir können mal blättern und ich zeige Dir welche!
Deine Rezension hier ist eine Ladatio auf Tabac Original, mit allem was dazu gehört. Informationen, Einordnungen, Beschreibung, und alles in wunderbare Sprache gesetzt! Sollte mich ein Parfüm interessieren, so wäre Deine Rezension mit Sicherheit immer bei den Dreien dabei, die ich dazu lesen würde!
Zum Parfumeur, aus meinem bald selbst erscheinden Kommentar: "Zuständiger Parfumeur war Arturo Jordi-Pey, der, wenn man sich auf Parfumo und im Internet informiert, tatsächlich nur für ein kommerzielles Parfum verantwortlich war, nämlich diesem hier. Er war im Genfer Unternehmen Firmenich tätig (die Schweizer wieder). In der Branche war er hoch angesehen und man schätzte seine Expertise – jedoch war er größtenteils im Hintergrund tätig – sein Name findet man eher in Fachpublikationen zum Thema."
Das Magnum Opus des Herrn Spee zum Magnus Opus deutscher Parfumhistorie- ich bin vollends entzückt. Den Kommentar als auch den Duft mag ich überaus sehr. Eine feine Liebeserklärung, fein. Fein. FEIN!
Eine ganz tolle, wunderbar wertschätzende Rezi zu DEM - und da würde ich dich unterstützen - deutschen Duftkulturgut im Herrenbereich. Du hast das oben so schön beschrieben mit dem sich geborgen und getröstet fühlen. Für mich ist das der Duft, der einem vermittelt, dass alles gut wird. Wie ein Schwall Urvertrauen. Eine unvergleichlich runde, frischwarme Aromatik. Wie ein Eau Sauvage oder Monsieur de Givenchy einer dieser "perfekten" Düfte, die nie wirklich altern, nur reifen.
Wenn ich sehe, dass heutzutage selbst lange Faltenröcke wieder cool sein können, dann wird Tabac Original auch reelle Chancen haben, von den jüngeren Leuten wiederentdeckt zu werden. :)
Wie schön, dass du diesem legendären Klassiker eine solche Liebeserklärung gemacht hast. Sehr gern gelesen. Zwischen Eau de Cologne u. Eau de Toilette gibt es einen erheblichen Unterschied. Das After Shave geht wohl wieder mehr in Richtung des Eau de Colognes. Mein Vater verwendete das Pre-Shave u. ich habe den herrlichen Duft noch exakt in der Nase. Das EdC ist wohl wärmer (ambriert) als das EdT, das knackiger u. strahlender duftet.
Den hatte ich für mich schon abgeschrieben, dann bekam ich einen Flakon geschenkt, und jetzt bin ich mehr und mehr fasziniert. Schöner Kommentar mal wieder!
Schöne Hommage an diesen Klassiker. Ich kenne nur das After Shave, insofern habe ich zumindest eine grobe Vorstellung, wenn sie tatsächlich ähnlich sein sollten.
Der Opa meiner Kinder verwendet den schon immer und somit ist "Tabac Original" für meine Töchter der Duft von Geborgenheit. Was kann's Schöneres geben, als den Duft von Opa?
Ich hatte mal ein Techtelmechtel mit einem Tabac-Träger, der die gesamte Pflegeserie verwendete. Und der war damals äußerst jung, nämlich 18. Der Duft passte ganz wunderbar.
Ob sachlich oder poetisch, den Duft hast Du vortrefflich gewürdigt. Ich stimme dir hier nur zu gern zu, ich mag Tabac Original ebenfalls sehr gern. Und zum Thema Oma- und Opadüfte: Ich verwende diese Bezeichnungen nicht und es wird gern mal vergessen, daß unsere Großeltern auch mal jung waren. Ich bleibe beim Begriff zeitlos :-)
Ja, ganz genau so verhält es sich mit ihm. Es freut mich, dass wir Rabac Original sachlich und gefühlsmäßig sehr ähnlich bewerten! Getrost-statt-getröstet-Pokal!
Für mich ein zeitloser Klassiker. Nicht tot reformuliert und ein gelungener Kontrapunkt zu den so häufig vertretenen süßen Düften!
Mein Onkel, der Hufschmied, ist für mich unsterblich mit Tabac Originale verbunden. Diese Melange aus brennender Glanzkohle in der Esse, zusammen mit diesem Herrenduft, während er ein neues Hufeisen schmiedete, prägte sich mir als damals Siebenjährige, als olfaktorische Erinnerung für immer in mein Gedächtnis.
So, ich ziehe jetzt los und kaufe Tabac Original. Als Statement-Duft. Für meine Söhne.
Drum einen made-to-measure Meistersänger-Pokal für dich.
Deine Rezension hier ist eine Ladatio auf Tabac Original, mit allem was dazu gehört. Informationen, Einordnungen, Beschreibung, und alles in wunderbare Sprache gesetzt! Sollte mich ein Parfüm interessieren, so wäre Deine Rezension mit Sicherheit immer bei den Dreien dabei, die ich dazu lesen würde!
Den guten Alten trefflich und trostreich kommentiert.