Als ich in der 10.Klasse war, war ich in einen Jungen aus dem Abijahrgang verliebt - heimlich natürlich.
Er war groß, blond gelockt und er spielte Trompete in einer Big Band.
Selbstverständlich hatte ich noch nie mit ihm gesprochen, zumal er eine Freundin hatte (die seine Pullis trug - die Ziege!) und außerdem, naja, ich war 16...
Natürlich stalkte ich ihn und ging auf jedes Konzert um ihn anzuhimmeln, bis er zum Studium in die Ferne zog.
Als ich dann selber fort ging, traf ich auf die fiese Pulliträgerin von damals. Als Friesinnen im Exil kamen wir ins Gespräch und sie erzählte von ihrer Trennung von MEINEM Trompeter.
Weil mir inzwischen 'Eier gewachsen' waren, schrieb ich ihm kurzerhand einen Brief ( Ja, Kinder, einen B.R.I.E.F.) in dem ich ihm mit einem Augenzwinkern erzählte, wie ich mir schon vor Jahren unsere gemeinsame Zukunft ausgemalt hatte, inklusive Segelboot, Hund, viel Musik und seinen Pullis...
So, nun ist es Zeit für die Geigen, denn: Er schrieb zurück! Zeilen voller Wortwitz und Charme und außerdem hatte er meine Zukunftsvisionen gemalt, damit hatte er mich, und wir vereinbarten ein Treffen.
Nachdem ich ihn Jahre angeschmachtet, seiner Trompete gelauscht und seine Briefe genossen hatte, würden wir uns endlich treffen, und ich kann euch sagen, es wurde...es wurde...grauenvoll!
Seine Stimme war piepsig, er redete ohne Punkt und Komma, und sein liebstes Thema war: er selbst.
Nie hab ich eine Trompete mehr herbeigesehnt als an diesem Abend.
Trompeten mag ich immer noch, und sie erinnern mich daran, dass nicht alles ist, wie es scheint.
Annette Neuffer ist studierte Trompeterin, Jazzmusikerin und Parfumeurin.
Autodidaktin und Naturparfum, zwei Begriffe der Parfumwelt, die mich nicht frohlocken lassen - eigentlich.
Doch während Frau Neuffers Trompete via Spotify erklingt, revidiere ich meinen Standpunkt, denn 'Maroquin' aus natürlichen Inhaltsstoffen hat mich am Wickel.
Er ist weder ' beseelt' noch 'flüchtig' noch 'gewollt und nicht gekonnt' um ein paar meiner Vorurteile zu nennen. So komplex wie der Jazz, den sie spielt, so vielschichtig ist auch dieser Duft, aus ihrem Atelier in Freising. Maroquin hat Volumen, auch ohne Synthetik.
Er startet mit bittersüßen Orangen, schnell abgelöst durch Räucherstäbchen-Patchouli und pfeffriger Würze. Akkorde aus Leder und Weihrauch erklingen und laszive Tabakvibes machen's spannend.
Die Noten springen hin und her und kommen und gehen, räkeln sich und scheinen lebendig. Nach Stunden endet der Duft mit leicht süßen vanilligen Harzen.
Dieses 'Duftstück' ist mehr als die Summe seiner Teile. Es ist eine wertige, anspruchsvolle Komposition.
Wenn Wynton Marsalis über Neuffers Sound sagt, er sei "beautiful-dark and warm', dann kann ich nur sagen: Das gleiche gilt auch für ihren Duft ' Maroquin'.
Ich glaub' den Trompeter kenne ich. Spaß beiseite...sehr schön geschrieben, obwohl mir die Namen, die du erwähnst alle wenig sagen. Hilft nichts. Muss mich weiterbilden.
Räucherstäbchen-Patchouli Weihrauch und Tabak - damit hast du mich angefixt! Mit der Trompeter-Geschichte natürlich auch. Behalte ich mal im Hinterkopf (also, den Duft) 🙂
Du hast aber auch immer Geschichten auf Lager *trööööt* — und weißt sie auch noch so unterhaltsam niederzuschreiben. Hat wieder einen Riesenspaß gemacht, bei dir reinzulesen. Von Frau Neuffer kenn ich noch zu wenig, um ihr Werk für mich richtig beurteilen zu können, aber dunkel & warm mag ich ja auch durchaus. :)
Hab noch schöne restliche, herzwarme Feiertage!
Ich suche ja immer noch nach jemandem, dem wie ich weder Frau Neuffer, noch ihre Düfte mag. Ich fühl mich so einsam in der Kälte. Trotzdem Pokal und frohe Weihnachten. Schluchz.
In dieses olfaktorisch sowie akustisch wundersame Konzert stimme ich als gleich mit ein, und kann uneingeschränkt behaupten was du mit deinen Zeilen wieder für einen tollen Marsch geblasen ähh trompetet hast :))
Wie habe ich das gern gelesen!
Bis auf den ollen Trompeter ist es doch gut gelaufen! Die Düfte von Frau Neuffer muß ich jetzt echt mal testen, ist halt so weit weg, von München aus... ;-)
Den Duft kenne ich nicht, habe aber eine ähnliche Geschichte mit dem ehem. schönsten Kerl meiner Klasse erlebt. Klassentreffen nach 15 Jahren und er war nur noch ein ungepflegter, trauriger Klops.
Und aus der Schwärmerei wurde Ernüchterung... so kann es kommen, da steckst nicht drin.
Aber wenn es ausschließlich um das Thema "Ich, ich, ich" geht, werde ich auch ziegig.
Der Maroquin gehört leider zu den paar Neufferschen Werken, die mir weniger gut gefallen haben. Aber ein spannender Duft ist es allemal.
Ich dachte kurz beim Lesen Du hast ihn dann geheiratet und ihr habt ne Bigband mit euern gemeinsamen Kindern gegründet. Aber Egomanen hat die Welt genug und wahrscheinlich wäre er auch kein guter Liebhaber gewesen. Zum Duft: ich habe hoch ambitioniert am Anfang hier etliche Neuffer getestet. Mir bleibt ihre Welt fremd, im Gegensatz dazu bist Du mir wie immer ganz vertraut. .
Der Wert des Von-der-Ferne-Anhimmelns wird unterschätzt und Naturparfums auch. Wunderbar ist Deine Rezension mal wieder, ich kann mich nicht sattlesen an Deinen zauberhaften kleinen Geschichten.
Wie es „die Ziege“ nur so lange mit dem Trompeter ausgehalten hat…
Ich hatte angesichts „des Trompeters“ schon fast ein Ende befürchtet wie „ich möchte Frau Neuffer ihre Trompeten um die Ohren hauen, damit sie nachvollziehen kann, wie sehr dieser Duft meinen Riechkolben verletzt hat“, freue mich aber, dass du Freude an dem Werk hast und sie auch als Autodidaktin bezüglich Parfümeur_innenkunst derart zu würdigen weißt.
Toller Beitrag und Hut ab vor deiner Selbstreflexion!
Oh, das klingt ja wirklich nach einem verlockend guten UND ausdauernden Neuffer-Duft, klasse.
Zum Trost über den (zum Glück...) entgangenen Trompeter z.B. ein wenig Duologues von Allan Botschinsky und NHO Pedersen lauschen oder Lester Bowie & Nobuyoshi Ino :-))
Moin, Friesenmadl, ja, das Leben und die Geschichten, die es so schreibt.... Kenne leider immer noch keinen einzigen Neuffer-Duft, es ist eine echte Flachschande mit mir. Hoffnungnichtaufgeben!
Kongenialer Aufhänger für eine Rezension! Das klingt ja wie aus dem Bilderbuch zwischenmenschlicher Entzauberung... Umso schöner, dass der Duft dich auch so verzaubern konnte wie mich.
Vielleicht sind Trompeter doch nicht erste Wahl, schließlich hat auch Stefanie Hertel mit Stefan Mross falsch gelegen und die Beziehung ging krachen!? Deine Geschichte hat mir aber gefallen und Deine Duftbeschreibung auch! Von Anette hatte ich noch keinen Duft, beobachte ihre Erzeugnisse aber schon sehr lange! Toller Anstupser für mich da endlich mal Nägel mit Köpfen zu machen!
Schöne Rezi ! Jaa, Frau Neuffer macht schon schöne, komplexe, richtig gute
Düfte ! Autodidaktinnen machen doch öfter mal zum Niederknien tolles Parfum ! Denk nur an Bianchi, oder Liz Moores.
in der Schule fing ich mal mit Gitarrenkurs an. Dauerte aber nicht lang, da ich die Gitarre auf einem Jungen kaputt schlug, der mir seinen Pulli nicht gab. Nein, wäre lustig, aber er ärgerte mich lediglich. Aber ich bekam keine Gitarre mehr.
Hab noch schöne restliche, herzwarme Feiertage!
Wie habe ich das gern gelesen!
Glücklicherweise gibts ja noch die Trompetenbaumliebe!
Keine Ampel für sie, aber für die Friesin.
Aber wenn es ausschließlich um das Thema "Ich, ich, ich" geht, werde ich auch ziegig.
Der Maroquin gehört leider zu den paar Neufferschen Werken, die mir weniger gut gefallen haben. Aber ein spannender Duft ist es allemal.
Ich hatte angesichts „des Trompeters“ schon fast ein Ende befürchtet wie „ich möchte Frau Neuffer ihre Trompeten um die Ohren hauen, damit sie nachvollziehen kann, wie sehr dieser Duft meinen Riechkolben verletzt hat“, freue mich aber, dass du Freude an dem Werk hast und sie auch als Autodidaktin bezüglich Parfümeur_innenkunst derart zu würdigen weißt.
Toller Beitrag und Hut ab vor deiner Selbstreflexion!
Zum Trost über den (zum Glück...) entgangenen Trompeter z.B. ein wenig Duologues von Allan Botschinsky und NHO Pedersen lauschen oder Lester Bowie & Nobuyoshi Ino :-))
Düfte ! Autodidaktinnen machen doch öfter mal zum Niederknien tolles Parfum ! Denk nur an Bianchi, oder Liz Moores.
Tolle Rezi