Einige bleiben einfach hängen, man weiß das. Und dann sind sie da irgendwo, die unerlösten Seelen. Wie Treibgut sind sie, und oft sammeln sie sich irgendwo zu mehreren. Warum eine den Zug verpasst hat, danach fragen sie einander nicht. Es wäre unschicklich. Und es interessiert auch keinen. Hier bei Azemmour ist so eine Ecke. Wie in einer Schneewehe hängen sie zusammen. Oder Sanddüne, das passt besser, hier schneit es nicht.
Die älteste kann man kaum noch erkennen, so fadenscheinig ist sie geworden. Römer ist klar, das spürt man. Legionär wahrscheinlich, sind ja bis hierher zum Fluss Asama gekommen. Wahrscheinlich hat er den Fährmann nicht bezahlen können. Nun hängt seine Seele hier fest und wird immer blasser.
Und dann jüngere. Bunte Truppe. Araber, Berber, Portugiesen, Franzosen, waren ja alle hier. Christen, Juden, Muslime, volles Programm. Die eine hatte ein Ticket ins Paradies. Konnte sich vom Anblick ihres Liebsten nicht lösen. Irgendwann kam kein Aufruf mehr. Hiergeblieben. Eine war Sklavenhändler, zwanzig Teufel hinter seiner Seele her. Eine Geschichte wie die Flucht aus den Bleikammern. Hat sie alle abgehängt. Hiergeblieben.
Ein paar sind gar nicht von hier. Auswärtige. Aus Indien einer. Konnte sich nicht entscheiden, als was er wiedergeboren werden will, dann hatte sogar das Mückenticket ein anderer ergattert. Hiergeblieben. Wollte aus Verzweiflung ins Wasser gehen, der Witzbold. Als ob eine Seele ertrinken könnte. Ist herübergeweht übers Meer, von Indien bis hierher nach Azemmour. Wiegt ja nicht viel, so eine Seele, und hat viel Zeit.
Wer kennt schon Azemmour. Nicht viel los hier. Auch kein Club Méd. Verschlafenes Städtchen. Kaum Besucher. Dabei ist es schon für Lebendige nicht übel hier, eigentlich. Das Meer, das Flüsschen, die Orangenbäume, die Altstadt... Aber die Seelen, diese Armen, die lieben es hier. Großes Los gezogen, dass sie nach Azemmour gefunden haben. Also: wenn das nicht hämisch klingt, meine ich. Ist aber so. Könnten es nirgends schöner haben als bei uns.
Wo sie sind? Draußen, vor der alten Stadtmauer, in den Orangenbäumen. Da wohnen sie, die unerlösten Seelen. Sie sind ja blind. Stumm auch, obwohl sie vor sich hin brabbeln. Berührungen kennen sie kaum, obwohl sie die Wärme irgendwie spüren, wie wir die Sonne auf der Haut. Lauschen können sie noch, vage, ungefähr. Und riechen allemal! Ergibt ja auch Sinn, wenn einer für die Ahnen räuchert!
Da in den Orangenbäumen rauscht und braust es ständig, Tag und Nacht. Der Wind durch die Bäume, die Gischt vom Meer her. Das Flüsschen gluckert, und das Städtchen summt wimmelnd, der Muezzin ab und zu. Und, wieder, immer, das Rauschen und Wogen. So beruhigend und einfach und doch so kraftvoll und lebendig. Das tut ihnen gut! Salzig weht es herüber, frisch und salzig. Die Orangen blühen, na klar, und wenn die hübschen Pflückerinnen schnell eine aufreißen: hmmm! Was für ein vollkommenes, saftiges Aroma! Es wehen aus den Nachbargärten Minze und ölige Zitronen, feuchte Erde, wenn es mal regnet. Und von fern die Blumen und Gewürze vom Souk. Und wieder das Salz und die Orangenbäume.
Wenn ich bedenke: Hier wo die Bäume stehen, ist das Licht am klarsten. Die Frische am köstlichsten. Eine Heiterkeit liegt hier in der Luft, eine lebendige, göttliche Ruhe. Vielleicht ist es ein guter Ort von alters her, ein heiliger, wer weiß! Die Lebenden haben es nie bemerkt. Zu beschäftigt, das zu spüren. Keine Moschee haben sie hier gebaut, keine Kirche, kein Ausflugslokal. Ab und zu spürt es mal ein Liebespaar, das sich hier trifft.
Die unerlösten Seelen, die spüren es! Wenn eine hier ist, bleibt sie. Immerzu träumen sie ja, das ist ihr Los. Alpträume, die meisten. Früher, jedenfalls. Jetzt ist es besser damit, gut fast. Jetzt, wo sie hier sind, hier in Azemmour in den Orangenbäumen. Fast sind sie glücklich. Ach, wenn ich hängenbleibe einst, dass meine Seele doch auch hier in die Orangenbäume findet!
* * *
Azemour les Orangers ist ein Geniestreich des ohnehin hochbegabten Parfumeurs Corticchiato, und ein Ausnahmeduft. Es ist einer der gelegentlichen Fälle, in denen ich nicht anders kann, als der Turin-Sanchez-Bibel ohne jedes Zögern gläubig zuzustimmen. Es ist vielleicht der einzige Duft, den ich kenne, der in Sachen bewundernswerter, besonderer, herausragender exquisiter Schönheit eine 10 bekommt und zugleich eine 10 in Alltagstragbarkeit, ob in Jeans auf den Straßen Kreuzbergs, im dreiteiligen Anzug im feierlichen Rahmen oder draußen in der Natur.
Vielen Dank für diese tollen Worte. Danke für eine der schönsten Rezensionen, die ich bisher lesen konnte. Und danke, dass du mich auf Azemour Les Orangers aufmerksam gemacht hast.
Wow, das ist einer der schönsten deiner vielen schönen Texte, ich bemerkte, dass ich Dinge unterstreichen wollte wie in einem Buch. Wunderbar. Den Duft werde ich heute testen.
Wow... Ich bin fast sprachlos im Angesicht deines wundervollen Textes!
Dieser Duft spricht mich als Zitrusnase sowieso sehr an - aber nach diesem Text weiß ich, dass ich den unbedingt testen MUSS! Nochmal wow ... und beim gegen lass ich schnell noch n Pokal da!
Ich hatte den aufgrund deiner Rezension neugierig vor Ort getestet und war sofort verzaubert. Habe ihn mitgenommen, ein paar Monate, weil Herbstwinter, ignoriert. Und bin jetzt nach mehreren Tagen mit ihm komplett hingerissen.
Mein lieber FvSpee, das ist einer Deiner wunderhimmelorangenschönsten Kommentare und gerade in den letzten Tagen, aus vielen Gründen angenagt und zerzahnt von Pandemie- und Elternsorgen, fühlt sich die Vorstellung, ein wenig mit anderen Abgehängten im marokkanischen Orangenbaumschatten abhängen zu können, richtig verlockend an. Man müßte halt einen Weg zurück finden können.....
Das Parfum kenne ich nicht und um meine Gefühlte bei der Lektüre auszudrücken müsste ich mich des Erikativ bedienen. Ich werfe einfach ein paar Krümel Galbanharz auf die Räucherpfanne und schäle andächtig eine Orange. Ganz großes Kino.
Green Water von J. Fath (das ich in seiner 1996er Version sehr schätze) wird hier als Duftzwilling genannt. Das erscheint mir zwar zweifelhaft, aber weckt dennoch meine Neugierde. Ansonsten: deine Gedanken zu diesem Duft sind wie immer extravagant und höchst lesenswert.
Wirklich beeindruckende und auch ergreifende Seelen-Impression, die dir da gelungen ist! Was muss das für ein Duft sein, der dich zu so etwas Schönem inspiriert - und der dir eine satte 10 wert ist. Großer zitrisch-oranger Poetenpokal!
Ein grossartiger Kommentar! Mit dem speesuitischen Humor, scharfsinnig und wunderbar geschrieben. Auch wenn ich den Platz am Kreuz Kreuzberg vorziehe ;-)
Was für ein dramatischer und gefühlvoll geschriebener Kommentar. Der bleibt bei mir sicher hängen wie die Seelen, die Du evoziert hast. Der Duft ist schon lange auf meiner ML, ich halte ja auch viel von Corticchiato.
Deine seelenvolle Beschreibung hat mich total mitgenommen auf die Reise und sehr neugierig gemacht. Scheint ein großartiges Parfum zu sein. Sehr gelungene Präsentation. Hut ab!
Da hast du ja mal schwer die Seele(n) baumeln lassen. Aber Obacht: Deren Kurs befindet sich wegen des akuten Überangebots an der Parfumo-Börse im freien Fall. ;-) Deine Begeisterung kann ich - auch wenn ich den Duft nicht kenne - ob der von Turin diagnostizierten Nähe zu Parfums de Nicolais 'New York' aber gut verstehen.
Ja mit den Seelen ist das so eine Sache. Wo bleiben sie, wo möchte man die seinige wissen oder zerfällt sie gar zu Staub? Deine Antwort ist eine glückliche Alternative für die Seelengläubigen, kein Paradies, aber ein wunderschöner Ort in guter Gesellschaft. Ein von Dir toll beschriebener Platz zum Verweilen.
Der Duft mit einer 10 von Dir ist eine empfehlende Ansage. Bei so zitrisch, zitronigen Düften bleibe ich dennoch skeptisch!
Ich möchte beten für die unerlösten Seelen in den Orangenbäumen, dass sie neue Himmel finden mögen....oder dieses Parfum einfach nur auflegen, als Gebet am Morgen für den neuen Tag….
Der Duft mag ja gut sein, deine Rezension natürlich auch. Aber als verblichen Seele blind und stumm für alle Zeit in einem marokkanischen Orangenbaum hängen, noch dazu von Alpträumen geschüttelt, das möchte ich doch nicht.
Den Duft würde ich hingegen gern einmal testen. Aber der ist ja wieder nirgends zu finden.
Ein beeindruckender Kommi! Seine Besonderheit in Inhalt und Ausdruck spiegelt den Duft. In der ersten halben Stunde ist der Duft auch eine 10 für mich (da gibt es keinen besseren Zitrusduft, finde ich), danach wird er mir zu rauchig-aschig. In seiner Selbstverständlichkeit und Überzeugungskraft erinnert er mich an den Nuit de Bakélite (ist vielleicht die zitrische Entsprechung). Ich kann deine Begeisterung absolut nachvollziehen.
Wow: Ganz großartig geschrieben; gleichsam auf Du und Du mit den lost souls...
Und ein 10er Duft von Dir, der tragbar ist in den Streets of Kreuzbergelphia?! Wenn ich das nich probiern will, was dann??
Das ist ja schon fast ein Pulitzer-Preis-verdächtiger Kommentar...äh....Rezension (muss mich noch umgewöhnen). Und Du hast die 10 gezückt, grandios. Ich mag den Duft auch und Deine Rezension erinnert mich daran, dass ich den unbedingt nachtesten wollte. Ohje, wo hab ich die Probe nur? Ich muss weg. Suchen. Jetzt.
Da braucht man das Ticket nach Marokko gar nicht buchen. Gerne gesellte ich mich zu den Unerlösten, dürft ich doch auch nur eine üppige Orange pflücken.
OK, sollte ich auch hängenbleiben auf dem Weg zur Mücke, treffen wir uns ja vielleicht - andererseits werden wir uns wohl nicht erkennen, aber vielleicht ja erriechen...
:)
Geht unkitschig direkt ins Herz.
Die Qualität des Dufts inspiriert halt!
Dieser Duft spricht mich als Zitrusnase sowieso sehr an - aber nach diesem Text weiß ich, dass ich den unbedingt testen MUSS! Nochmal wow ... und beim gegen lass ich schnell noch n Pokal da!
Der Duft ist großartig! Ja!
Der Duft mit einer 10 von Dir ist eine empfehlende Ansage. Bei so zitrisch, zitronigen Düften bleibe ich dennoch skeptisch!
Den Duft würde ich hingegen gern einmal testen. Aber der ist ja wieder nirgends zu finden.
Und ein 10er Duft von Dir, der tragbar ist in den Streets of Kreuzbergelphia?! Wenn ich das nich probiern will, was dann??