ChimoChimos Parfumblog

03.11.2019 20:05 Uhr
113 Auszeichnungen

​Lasst der Jugend ihre Düfte (feat. Jeremy Fragrance)

Die amerikanische Popkultur dreht sich zurzeit ums Sterben. Oder zumindest ein Teil davon. Junge Rapper, vor allem aus dem Bereich der Trapmusik, tätowieren sich das Gesicht und zeigen uns das Ende aller Träume. Wie kann man später als 40-Jähriger noch durch die Welt gehen, wenn unter dem Augenlid schwarze Tränen und „ZZZ lover“ eingestochen sind?

Als erstes hat es Lil Peep erwischt. Der 21-Jährige starb kurz vor einem Konzert mit sechs Xanax und Fentanyl im Blut. Er war ein Poet der Ratlosigkeit, und er hat uns eine der einsamsten Songzeilen der Musikgeschichte hinterlassen: “Look at the sky tonight / all of the stars have a reason / a reason to shine / a reason like mine / and I'm fallin' to pieces.” Lil Peep hat auf YouTube mehr Abonnenten als die Kanäle der Beatles und Elvis Presley zusammen.

Und schon höre ich Einwände. Unsere Helden sind auch gestorben. Jimi Hendrix ist an seinem Erbrochenen erstickt, Janis Joplin hat sich die Nadel gegeben und Kurt Cobain eine Selbstladeflinte. Der Unterschied ist nur, dass sie alle davor hungrig auf das Leben waren. Sie hatten den Rausch und die Eroberung. Der Soundtrack von heute dagegen ist nur getragen von einer Schachtel Angstlöser. Selbst der Candy-Pop von Taylor Swift oder die Verweigerungsgesten von Billie Eilish sind kontrolliert.

Und das führt uns auch zu Parfums und ihrer Bedeutung für die Träger. Denn für sie ist die Welt heute eine andere als unsere früher, und sie sind anders jung, als wir es waren. Folglich brauchen sie auch andere Düfte. Mir ist dabei bewusst, dass sich keines unserer Kinder das Gesicht tätowieren lassen wird. Aber sie leben in derselben Welt, in deren Ausdruck die Tintenstiche stehen.

Denn die Welt ist verdammt kompliziert geworden. Heute sind die kulturellen Codes so aufgefächert wie ein Spiegelkabinett. Daumen hoch oder Daumen runter sind die letzten Gesten der Deutungshoheit. Das mag oberflächlich erscheinen, aber es hat wenigstens keine Untiefen.

Und deshalb braucht man Düfte, die eindeutig sind. Wir lachen über Hollister, aber die Düfte sind zielsicher wie ein Pick-up-Artist. Alles von Diesel mag eine Zumutung sein, aber die Parfums erobern jeden Kubikmeter der Klassenzimmer. Die neuen Armanis sind belanglos wie Zuckerwatte, aber sie erzählen eben nur diese eine Geschichte vom Gefallenwollen. Der Geheimtipp Individuel erscheint plump und berechnend, aber man muss immerhin nicht viel erklären. Office for Men riecht wie tausend andere Düfte, aber er hat Glutamat im Flakon.

Man weiss also immer, wo man steht. Doch schnell richten wir über die Parfums der Jugend, während wir sie nicht verstehen. Man kann die geruchlichen Irrläufer selbstverständlich handwerklich kritisieren. Aber wen interessiert schon Handwerk? Wer will Duftentwicklung, wo es nur um zielsichere Geltung geht? Wer braucht natürliche Zutaten, wenn die Oberfläche viel faszinierender ist?

Am besten kommt die Sehnsucht nach Gesehenwerden bei Jeremy Fragrance zum Ausdruck. Er hat hier ja keinen besonders guten Stand, und das ist gut nachvollziehbar. Denn der Mann ist der durchschaubarste Abverkäufer plakativer Düfte. Aber er macht etwas, was im Ausdruck seiner Zeit steht. Er sortiert die Welt und reduziert Parfums auf reine Eroberungsfunktionen. Er ist der Cheerleader des Nichts, weil er am Ende überhaupt nichts sonst zu Düften sagen kann. Ein Vertriebsleiter einer verwirrten Generation. Aber er verschafft wenigstens klare Standortvorteile in einer lauten Welt.

Und damit wären wir wieder bei den Trap-Musikern und ihren Gesichtstattos. Sie sind überfordert, und damit stehen sie nicht alleine da. Die Globalisierung dreht durch wie eine Flipperkugel, und die Technik ist disruptiv wie nie zuvor. Die ganze Welt ist viel zu viel geworden. Die oberflächlichen Düfte sind da der richtige geruchliche Soundtrack. Sie schaffen Ordnung. Und das ist gut so.


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