Siebenkäs’ Parfumblog

Von Parfumo empfohlener Artikel
30.04.2017
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Die geheime Sprache der Komplimente

Wer Parfum verwendet, für den sind Komplimente auf die
ein oder andere Art irgendwann ein Thema.
Auch dann, wenn er oder sie keinen besonderen Wert
darauf legt. In irgendeiner Form wird man sich - früher oder
später doch damit beschäftigen.
Auch dann, wenn man zum Beispiel nie welche bekommt -
und sich darüber wundert.
Oder feststellt, wie unberechenbar und unterschiedlich
der gleiche Duft auf verschiedene Menschen wirkt.
Oder, wenn man nicht weiß, was man von gewissen
Komplimenten zu halten hat.
Und ob es überhaupt welche sind.

Gerade auf diesen letzten Fall möchte ich heute etwas
näher eingehen. Denn es sind genau diese Komplimente,
mit denen ich mich - ich sage das in aller Bescheidenheit -
am besten auskenne.
Durch eine kurze Analyse solcher Komplimente, die ich oft
genug zu hören bekam, will ich mich bemühen, hier Klarheit
zu schaffen, indem ich versuche, ihre für viele geheime
Sprache zu dechiffrieren.

Ich habe Wert darauf gelegt, diese Übersetzung möglichst
eindeutig und unmissverständlich zu formulieren, so dass
sie vielleicht sogar als kleines Kompendium dienen kann,
dass, wer will, stets ausgedruckt dabei haben kann, um es
im Live-Betrieb für jeden Komplimente-Fall zu nutzen.
Sortiert habe ich dabei bewusst nicht nach dem Alphabet,
sondern nach Bedeutung und Häufigkeit des Vorkommens.
Den Anfang soll ein Klassiker machen, den jeder schon mal
gehört haben mag:

"Bist du das?"

Hier gibt es tatsächlich gar nicht so viel zu überlegen -
zu eindeutig ist die Botschaft. Denn wer das fragt, traut
sich nur nicht, den Satz vollständig auszusprechen - der
eigentlich lauten soll: "bist du das, der mich so verzaubert?"
Oder auch "...den ich näher kennenlernen möchte." Oder
"...auf den ich schon immer gewartet habe." Wie schön.
Fast noch häufiger bekomme ich auch diese Variante zu
hören:

"Wonach riecht's denn hier?"

Begleitet wird dieses Kompliment bisweilen von schweifenden
Blicken und Schnupperbewegungen. Hierbei handelt es sich
ebenfalls um ein etwas versteckteres Kompliment, das aber
im Grunde nichts anderes ist, als eine freudig-neugierige Frage,
die Faszination verrät und den großen Wunsch, mit dem Duft-
träger auf eine gemeinsame Duft-Entdeckungsreise zu gehen.
Eine, die vielleicht ein Leben lang dauern kann??
Sollte der oder die Fragende dabei gar auch noch unter die
Schuhsohlen schauen, ist die Symbolik noch klarer - hier will
jemand im Grunde sagen: "Ich will den restlichen Lebensweg
ungern ohne dich weitergehen."
Aber auch das folgende Kompliment lässt Anfänger schon mal
ratlos zurück:

"Au, du hast aber gut zugeschlagen..." (oft auch "...zugelangt.")

Hier verrät dem Kenner schon allein das Wort "gut" alles -
da findet dich jemand einfach rundum gut. So gut, dass es
schon fast weh tut (daher das "Au"). Schöner kann man es doch
kaum sagen!
Eigentlich kaum fehl zu interpretieren ist auch diese Spielart:

"Das ist ja kaum auszuhalten..."

Hier äußert jemand einfach ganz spontan seine Freude und
Begeisterung - da kann man fast nur verlegen erröten. Oder
sich einfach nur still freuen.
Und auch das habe ich schon öfter zu hören bekommen:

"Was hast denn du an dir?"

Dieses Kompliment, häufig verbunden mit einem erfrischend
ungläubigen Gesichtsausdruck, ist ganz typisch für den Gerade-
Heraus-Komplementierer. Ohne lange zu fackeln, wird hier
gleich in Form einer Frage losgelegt. Schön, wenn man solche
Leute kennt.
Verwandt ist diese Komplimente-Art mit einer noch knapperen,
die schon fast etwas Minimalistisches an sich hat. Sie beschränkt
sich auf 3-Worte-Statements wie zum Beispiel:

"Mein lieber Schwan!" (bisweilen auch "Scholli" oder "Mann")

Mag diese Art den Novizen noch in Verwirrung oder gar Zweifel
stürzen, so ahnt der Erfahrene natürlich sofort, was hier das
Schlüsselwort ist. Klar - das "lieber". Es sagt im Grunde schon
alles und sollte als für sich stehend verstanden werden. Schon
erkennt man die Güte dieses Kompliments.
Eine eigene Gattung für sich stellen die "Vergleichs-Komplimente"
("comparative compliments") dar. Der wahrgenommene Duft
oder auch man selbst wird mit einer anderen, bisweilen uner-
warteten Note in Verbindung gebracht:

"Hier riechts irgendwie nach Maggi..."

(habe ich z.B. mit Guerlains Vetiver zu hören bekommen)
Nun gut - dies ist mit ein wenig Erfahrung leicht als großes
Kompliment zu enttarnen, denn es heißt ja nicht weniger,
als das man die ersehnte Würze ins Leben bringen kann.
Aber wie sieht es mit den anderen Varianten dieser Gattung
aus? Hier der ein kleiner Schnell-Durchlauf:

"Du riechst ja nach Wick..." (bzw. "Vaporub"/"Hustensalbe" etc.)

(gehört z.B. mit Eau Sauvage Extreme)
Zugegeben, die Botschaft ist hier ein wenig versteckt,
aber dann doch unverkennbar - sie lautet natürlich:
du bist bestimmt gesund für mich!

"...nach Muskat!"

(gehört etwa mit Cacharel pour Homme)
Ein klares Kompliment! (siehe "...nach Maggi.")

"...wie ein Marzipanschweinchen."

(gehört z.B. mit L'Homme Ideal)
Muss man da noch etwas zu sagen? Kaum verhohlene
Message: Ich möchte in dich hineinbeißen.

"...nach Friedhof."


(gehört mit Encre Noir, aber auch mit Grey Flannel)
Etwas tricky zu entschlüsseln - aber, wenn man die Lösung
kennt, erstaunlich einleuchtend: hier sagt jemand indirekt:
das Leben ist zu kurz, um es noch länger ohne dich zu
verbringen.
Und dann noch - nicht zu vergessen - diese simpel klingende
Variante:

"Du riechst nach Parfum!"


(gehört mit äh... diversen Parfums)
Hier liegt der Reiz in der Einfachheit, ein schlichtes, aber
ehrliches Kompliment, dass Dankbarkeit ausdrückt für
die Mühe, die man sich gemacht hat.

Ich hoffe, dass man durch das Verstehen der hier besprochenen
Komplimente selbst einen Sinn dafür entwickelt und sich so
weitere Varianten, die ich hier nicht alle behandeln kann, selbst
zu erklären lernt.

Manchmal, ganz manchmal kommt mir allerdings der gewagte
Gedanke, es könnte noch eine andere Art von Komplimenten
geben - eine Art, die so unfassbar eindeutig begeistert ist,
dass jegliches Erlernen von Interpretations-Fähigkeiten
ganz überflüssig wird.
Aber das ist natürlich nur eine Utopie, eine Spinnerei,
eine Illusion oder eine Art Legende. (Gehört haben soll
man ja schon mal von so einem sagenhaften Phänomen.)
Ich will mich aber mit den mir zugedachten Komplimenten
zufrieden geben.
Es bleibt ja noch ein nicht unerheblicher Aspekt, eine nicht
von der Hand zu weisende Überlegung übrig...
Ich will versuchen, es zu erklären.
Stellt euch einen Baum vor, der in einem Umkreis von
100 Kilometern in vollkommener Einsamkeit steht.
Es gibt keine Tiere, keinen Wind, keinen Regen.
Nichts.
Es herrscht absolute, totale, vollkommene Stille.
Am Fuß des Baums liegt ein kleiner See.
Und jetzt - fällt eine Nuss vom Baum herab mitten
in den See.
Die entscheidene Frage:

Entsteht dabei ein Geräusch - obwohl weit und breit
niemand da ist, der es als Geräusch wahrnehmen kann?

Ich meine ja.
Die Stille fürchtet nicht den Klang, der sie zerstört.
Aber was hat das jetzt mit Komplimenten zu tun?

Sorry, hab' ich vergessen.
Nein, nein, nur Spaß... es ist ganz einfach -
die wirklich tollen Komplimente werden in den meisten Fällen
erst gar nicht ausgesprochen.
Denn nur sehr wenige Menschen trauen sich sowas -
egal, ob es um Duft, Kleidung oder sonst etwas geht.

Diese Komplimente erblicken also nie das Licht der Welt,
sie erklingen nur im Kopf des- oder derjenigen,
die sie zwar denken, aber nicht herauslassen.

Aber sind sie deshalb unwirklicher, weniger real?
Ganz sicher nicht.
Vielleicht sollten wir einfach lernen, uns auch an diesen
außerordentlichen und wunderbaren, leidenschaftlichen,
eben nur unausgesprochenen Komplimenten zu erfreuen.

Stellen wir sie uns einfach vor.

Denn, um es mit André Heller zu sagen -
die wahren Abenteuer sind im Kopf.
Und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.










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